Ist Bio wirklich besser? Teil 1

23. Februar 2017 Valérie

„Bio essen ist gesünder und umweltfreundlicher“, das ist die landläufige Annahme seitens der Konsumenten. In vielen Aspekten stimmt das. Allerdings ist auch Bio nicht das Allheilmittel für eine nachhaltige Produktion. Die von unseren Kunden am häufigsten gestellte Fragen ist, warum wir nicht Bio produzieren. Die kurze Antwort: Weil die Bio-Bürokratie viele gute Ideen und Ansätze im Keim erstickt und wir davon weder für die Natur noch für unsere Produkte einen Mehrwert haben. Wir müssten unsere wichtigsten Produkte aufgeben um ohne staatliche Förderung und mit einem guten Gewissen als Bauernhof überleben zu können.

In zwei FarmTicker-Artikeln erläutern wir, warum auch die Bio-Produktion gewisse Problematiken nicht ausräumen kann. Als erstes nehmen wir den Pflanzenschutz und dessen Konsequenzen unter die Lupe.

Unterschiede bezüglich der Gesundheit

Obstkulturen gehören zu den Kulturen, die am meisten Pflanzenschutz benötigen. Dass Biolandbau bezüglich Bodenschutz und Biodiversität dem konventionellen Landbau einiges voraus hat, schleckt keine Geiss weg. Für die Gesundheit sind die Unterschiede jedoch nicht immer relevant.

Ein Feldversuch im Kassensturz hat gezeigt, dass sich im Urin von Leuten, die sich von konventionell angebauten Lebensmitteln ernährten, mehr Rückstände von Pestiziden finden, als bei Leuten, die sich von Bio-Lebensmittteln ernährten. Allerdings lagen die Zahlen beider Versuchsgruppen auf einem Niveau, auf dem sie nicht gesundheitsschädlich sind (Kassensturz, Okt 2015). Dies war beim Kassensturz Experiment in der Schweiz, wie auch bei einer Studie in Schweden so. Wie die Langzeitwirkungen der Rückstände im Körper sind, weiss man allerdings nicht. Hier gilt grundsätzlich schon: Je weniger desto besser.

Auch Bio betreibt Pflanzenschutz

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel dürfen im Bio-Landbau nicht verwendet werden. Erlaubt ist – in gewissen Mengen – Kupfer, denn Kupfer ist wie viele andere erlaubte Mittel ein natürlicher Wirkstoff. Allerdings ist Kupfer als Schwermetall im Boden ebenfalls problematisch. Tatsächlich waren die in den 80er Jahren ausgebrachten Mengen an Kupfer viel zu hoch. Heute sind die Mengen um ein Vielfaches geringer, und negative Auswirkungen praktisch eliminiert. Nach heutigen Standards darf bei der Integrierten Produktion (IP) max. 1.5 kg pro Jahr ausgebracht werden, in der Bio-Produktion sind es 4 kg, also fast dreimal mehr. Verständlich, da der IP-Produktion andere Hilfsmittel zur Verfügung stehen.

Die Verwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln kann auch Vorteile haben. Sie haben teilweise eine längere Wirkungsdauer, so dass weniger Spritzfahrten mit dem Traktor nötig sind. Gerade bei krankheitsanfälligen Sorten kann das ins Gewicht fallen. Doch auch biologische Stoffe sind für Lebewesen toxisch. Ihr Ziel ist schlussendlich ja, einen Pilz oder einen Schädling zu töten.

Anforderungen des Konsumenten

Die Anforderungen der Konsumenten sind hoch. Und davon ist der Biokonsument nicht ausgenommen. Auch er möchte den perfekten Apfel haben. Dies zu erreichen, kann auch im Bio-Bereich Pflanzenschutzmassnahmen von hoher Intensität erfordern. „Bio muss heute im Grossbetrieb und mit allen Mitteln produziert werden, um die verlangten Mengen zu liefern“, so unser Obstbauchef Stefan Bächli. Gerade bei den populären Sorten, die oft überzüchtet sind, kann das zur Herausforderung werden.

Bächli erläutert seine Überlegungen am Beispiel des Gala-Apfels: „In unseren Breitengraden mit viel Regen und grossem Pilzdruck macht für mich Bio-Anbau mit den gängigen Sorten keinen Sinn. Gala ist beispielsweise eine sehr anfällige Sorte, die besonders viel Pflanzenschutz benötigt. Er ist anfällig auf fast alle Krankheiten: Schorf, Mehltau, Krebs und Monilia sind nur einige davon. Also kommt man in den Turnus: Spritzmittel ausbringen, Regen wäscht es ab, neuer Schutz, wieder Regen, wieder Ausbringen usw. Da braucht es mehr Durchfahrten in den Kulturen und mehr Spritzmittel die in die Umwelt rausgelassen werden. Vielfach ist es so, dass nur die Metalle im Pflanzenschutzmittel wirken. In schwierigen Jahren wird also ein Vielfaches an Aluminium und Kupfer ausgebracht. Bio zu produzieren kann dann bedeuten, alle 3 Tage mit der Baumspritze um den Hof zu fahren. Das finden wir zum Beispiel nicht mehr so nachhaltig, denn Traktoren verdichten bei nassem Wetter den Boden und stossen CO2 und krebserregenden Feinstaub aus.»

Herstellung und Herkunft von Öko-PSM

Um die Nachhaltigkeit eines Pflanzenschutzmittels beurteilen zu können, sollte man auch dessen Herkunft und Herstellung in Betracht ziehen. Wie ein Artikel auf wissenschaft.de aufdeckt, wird das im Biolandbau zugelassene Pyrethrum aus Chrysantehmen gewonnen. Die Produktion erfolgt zum grössten Teil in Afrika (Kenia, Tansania, Ruanda) und Kroatien. Diese Chrysanthemen werden aber selber gar nicht ökologisch angebaut, sondern genauso gespritzt.

Zweites Beispiel ist Rotenon, das aus den Wurzeln tropischer Pflanzen gewonnen wird. Da hat sich plötzlich herausgestellt, dass sich die Nervenzellen von Mäusen im Mittelhirn  verändert hatten und schwere Bewegungsstörungen verursacht haben. In den USA ist Rotenon noch heute zugelassen.

Der Anbau erfolgt viele Kilometer entfernt. Also fällt auch hier wieder CO2 an. Ist es vielleicht doch nachhaltiger, einen in der Schweiz hergestellten, synthetischen Stoff zu verwenden? Man muss immer das ganze Bild betrachten.

Was wirklich nachhaltig wäre

Für Stefan Bächli ist das Bio-Label ein bürokratisches Unding. Anstatt das Label zu bewirtschaften, solle man die Gelder lieber in Forschung und Züchtung resistenter Sorten investieren, findet Bächli. Oder Pflanzenschutzmittel entwickeln, die wirklich unbedenklich sind. Leider würden bei der Forschung immer die Gelder gekürzt.

In der Zwischenzeit versucht er, seine eigene Form der nachhaltigen Produktion zu finden: „Wir pflanzen auf unseren Höfen fast ausschliesslich resistente Sorten, Cabernet Blanc im Weinbau, Topaz, Rubinola als Mostäpfelanlage. Im ÖpfelGarte (labyrinthförmige Erlebnis- und Produktionsanlage) sind alles krankheitstolerante Sorten. Diese wären alle tauglich für Bioanbau“. Auf die Frage, ob wir denn chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verwenden würden antwortet er: „Ja. Und zwar weil sie besser wirken und weniger ausgewaschen werden. Die Umwelt wird so anders belastet“, so Stefan Bächli, „natürlich verwenden wir auch Biomittel. Aber nur da wo es Sinn macht. So oder so entscheiden wir uns jeden Tag dafür, mit möglichst wenig Pflanzenschutz zu arbeiten. Viele unserer Kulturen würden den Bio-Standard ohnehin erfüllen. Eine Bio-Zertifizierung erhält man jedoch nur, wenn das für alle Kulturen gilt. Alle unsere Produkte sind mindestens IP-zertifiziert“, so Bächli, «wichtiger als blind den Standards eines Labels zu folgen ist mir, dass ich hinter meiner Arbeit stehen kann. Ich kann mich bei jedem Schritt für mehr Nachhaltigkeit entscheiden. Ob das im Rahmen des Biolabels geschieht, ist für mich zweitrangig. Weil echte Nachhaltigkeit jeden Tag gelebt werden muss».

Raphael Peterhans, Leiter unserer Gemüseproduktion in Rafz, sieht das ähnlich: „Ich finde die Ansätze von Bio gut. Aber sie sind nicht das Allheilmittel. Mir ist wichtig, eine nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Sozial und ökologisch. Jeder Einsatz von Pflanzenschutz bringt Auswirkungen auf die Umwelt mit sich. Viele Pflanzenschutzmittel, vor allem biologische, sind absolut unbedenklich. Auf der anderen Seite reduziert ein gewisser Einsatz von chemisch-synthetischen Mitteln insgesamt den nötigen Pflanzenschutz. Was ist nachhaltiger? Hier sollten alle Aspekte berücksichtigt werden. Uns geht es nicht um Bio oder nicht Bio. Sondern um eine insgesamt nachhaltige Landwirtschaft.»

Fazit

In einer Sache sind sich Bauern auf der Bio- wie auch auf der konventionellen Seite einig: Man möchte so wenig Pflanzenschutz wie möglich betreiben. Ein sinnvolles Ziel im Obstbau wäre also, resistente Sorten zu fördern. Dies bestätigt Robert Obrist, Leiter vom Departement für Beratung, Bildung und Kommunikation des FiBL (Forschungsinstitut für Biologischen Landbau): „Das Ideal wäre ein pflegeleichter Bio-Apfel. Hier sind wir daran, andere Sorten zu fördern, die von sich aus resistent sind gegen Krankheiten“.

Schlussendlich liegt es in der Hand eines jeden einzelnen Produzenten, wie nachhaltig er (land)wirtschaftet. Der Druck des Marktes, welcher letztlich von jedem einzelnen Konsumenten gesteuert wird, verhindert oft eine bessere Lösung.

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Es gibt mehr... Im zweiten Teil befassen wir uns mit der Problematik der Massenproduktion. Und ob es in diesen Dimensionen überhaupt noch möglich ist, nachhaltig zu produzieren.

Mehr zu unserer Produktion im Allgemeinen finden Sie hier: juckerfarm.ch/vom-feld

Lesen Sie Teil 2 von "Ist Bio wirklich besser?".