Sandra hat zwei Zuhause

29. Oktober 2017 Valérie

Sandra – ich weiss gar nicht, wo anfangen. Die Frau hat so eine reiche Lebensgeschichte! Die Vielfalt ihrer Lebensplätze ist riesig und voller Gegensätze. Das macht es umso spannender.

Eigentlich ist Sandra wohlbehütet im tiefsten Aargau aufgewachsen und wollte Bäuerin oder Bäckerin-Konditorin werden. Ihr Vater hat sie dann aber dazu bewogen etwas zu machen, wobei man nicht so früh aufstehen und viel arbeiten müsse und dabei wenig verdienen würde.

Und dann hat Sandra die Lehre an der Börse in Zürich gemacht. Wo man zwar auch viel arbeitet und früh aufsteht. Aber sehr gut verdient. Das war ihre Welt, es hat gewuselt. Auch das mag Sandra.

Als ihr Job digitalisiert wurde, hatte sie keine Lust mehr – der Kontakt zu den Menschen war weg. Sie hat zu einer japanischen Bank gewechselt. Aber auch da musste Abwechslung her und sie und ihr Mann haben erst mal 7 Jahre lang eine Diskothek und eine Bar geführt. Dann wurde sie Filialleiterin einer indischen Bank in Zürich. Und diesen tollen Job hat sie vor ein paar Jahren kurzerhand über Bord geworfen und ist nach Costa Rica ausgewandert und hat ihren Traum eines Bauernhofs verwirklicht. Da gibt es Kühe, Rinder, Pferde und 2 Hunde.

Heute lebt sie im Winter in Costa Rica und von Frühling bis Herbst in der Schweiz. Sie sagt von sich, sie habe zwei Zuhause. Immer wenn sie in Kloten ankomme, sei es ein «Nach-Hause-Kommen». Aber das sei es immer auch in San José…

Seit wann arbeitest du hier?

Seit April 2013

Was ist dein Job?

Ich bin die Dame, die auf dem Juckerhof Kürbiskerne röstet während der Saison. Ab und zu helfe ich im Hofladen aus und dazwischen habe ich im ÖpfelGarten auch mal Führungen gemacht.

Wie bist du bei Jucker Farm gelandet?

Purer Zufall. Wir wollten – zumindest für ein paar Monate – wieder zurück in die Schweiz und suchten explizit eine Saisonstelle. Mein Mann hatte sich hier als Koch beworben und hat geradeheraus gefragt, ob er mich auch für ein Interview mitbringen dürfe. Und so hatte ich einfach parallel ein Interview mit Claudia, der damaligen Hofladenchefin. Es hat alles wunderbar geklappt, sie konnte mich brauchen :-).

Was hat dich nach Costa Rica verschlagen?

Wir waren einmal da in die Ferien. Ich habe mich sofort in das Land verliebt und wollte gar nicht mehr zurück. Mein Mann hat dann nach 1 Woche Bedenkzeit auch eingewilligt, auszuwandern. Eigentlich hatte ich einen guten Job. Ich bin dann doch nochmal zurück um Geld zu verdienen. Aber dann haben wir unsere Koffer gepackt.

In Costa Rica schätze ich einfach die unglaubliche Liebenswürdigkeit der Menschen. Sie sind sehr arm, aber geben einem das letzte Hemd und sind immer für einen da. Auch wenn man weit weg ist. Wir halten den Kontakt immer, während dem wir in der Schweiz sind.

Und warum seid ihr temporär in der Schweiz?

Wir hatten die ersten 3 Jahre starke Regenzeiten erlebt. Da kann man fast nicht zum Haus raus. Uns wurde langweilig.

Aber der fast noch wichtigere Grund waren unsere Eltern. Wir hatten von der schweren Krankheit meines Schwiegervaters gar nichts mitbekommen und er ist innerhalb von 1 Woche gestorben. Hätten wir etwas mitgekriegt, hätten wir uns noch von ihm verabschieden können. Das war ein schlimmes, einschneidendes Erlebnis und hat uns auf brutale Art und Weise daran erinnert, dass unsere Eltern älter werden und dass wir sie nicht mehr einfach so allein lassen können. Darum sind wir jetzt 7 Monate hier und 5 Monate Costa Rica. Ganz aufgeben mochten wir unseren Traum dann doch nicht.

Was magst du an deiner Arbeit am liebsten?

Ganz ehrlich? Als ich zuerst hörte, ich könnte Kürbiskerne rösten, war ich nicht so begeistert, denn ich mochte Kürbiskerne überhaupt nicht. Ich habe mich dann aber eingelesen und mittlerweile habe ich mit den Kürbiskernen Freundschaft geschlossen :-). Ich mache es sehr sehr gerne!

Zudem liebe ich den Kontakt mit den Menschen und der Teamgeist hier auf dem Juckerhof ist unglaublich toll. Wenn’s brennt, ziehen alle mit. Das habe ich sonst selten so erlebt.

So macht Sandra, wenn Gäste in die Kürbiskerne greifen ;-)

Was hast du weniger gern?

Haha, ich glaube, hier geht’s mir wie allen. Im Speziellen in der Kürbissaison: das Puff. Es wird nicht manchmal nicht respektiert, dass es Türen gibt! Die sind oft einfach verstellt. Wenn es dann schnell gehen muss, wird’s mühsam.

Und manchmal bin ich von der Masslosigkeit der Leute vor den Kopf gestossen. Man kann ja immer Kürbiskerne probieren. Es gibt Leute, die dann 3-4 Mal eine grosse Handvoll nehmen und sich sogar die Taschen damit füllen. Anderswo verhungern die Leute. Die würden das nicht machen. Das verstehe ich nicht.

Hast du eine lustige Anekdote vom Schaffe?

Ein Mädchen stand schon seit längerer Zeit an meinem Stand und hat beobachtet, was hier lief. Ich fragte sie, ob sie vielleicht Kürbiskerne probieren wollte. Sie meinte: «Nein, das ist grusig!». «Was findest du denn grusig daran?», fragte ich sie. «Die Leute, die langen mit ihren Fingern direkt in die Kerne», sagte sie. Ich sagte ihr, das stimme leider, dass der eine oder andere nicht sehe, dass es zum Probieren ein Löffeli gäbe und dass mich das manchmal auch ärgere. Dann sagte sie: «Weisst du, was ich mache, wenn ich mich ärgere?», fragte sie mich, «Ich nehme einfach mein Figürli hervor und erzähle es ihm. Und dann muntert es mich wieder auf. Weil schau, man kann hier oben drehen und dann macht es so!» (Das Figürli konnte die Arme über dem Kopf zusammenschlagen und empört gucken). Sie hat es mir geschenkt und gemeint, ich solle immer oben drehen, wenn wieder jemand in die Kürbiskerne reinfasst. Das hat mich unglaublich gerührt. Auf die Frage hin, was sie denn jetzt mache, ohne Figürli meinte sie, sie würde einfach ganz viele Kinderüberraschungseier essen, dann würde sie schon wieder eins kriegen.

Was machst du am liebsten ausserhalb der Arbeit?

Mache sehr gern Handarbeiten. Und dann bin ich noch dabei, mein Fernstudium in Homöopathie abzuschliessen.

Hast du Zukunftsträume, die du uns verraten magst?

Nein, ich lebe meinen Traum. Ich wünsche mir, dass es einfach so weitergeht und nichts Einschneidendes passiert.

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