Ungewisse Zukunft

02. März 2018 Valérie

Anfang September letzten Jahres haben wir unseren Sauser- und Weinlieferanten Michael Angst besucht. Leider konnte er uns letzten Herbst nur wenig Sauser liefern. Der Grund: Sowohl ein Frost im April, wie auch ein schlimmer Hagelsturm am 1. August 2017, von dem auch unsere Kürbisse betroffen waren, haben ihm gravierende Ertragsausfälle beschert.

Schon damals hat sich abgezeichnet, dass die Existenz des Familienunternehmens nach zwei aussergewöhnlich schlechten Jahren auf des Messers Schneide steht. Wir sind nochmal bei ihm vorbeigefahren. Die Lage hat sich noch nicht entspannt, Michi Angst muss weiterbangen.

Leerer Keller

«So viel Wetterpech, das hat selbst mein Vater, der sein Leben lang Weinbauer und Kellermeister war noch nie erlebt», sagt Michi Angst. Bereits 2016 hatte ein schlimmer Frost 45% der Ernte zunichte gemacht. Selbst da war ein Frost in dieser Härte letztmals 1982 aufgetreten.

Michi Angsts Befürchtungen sind leider wahr geworden. Insgesamt 85% Ernteeinbusse ist das Ergebnis der Wetterkapriolen vom letzten Jahr.

Hier ein paar Zahlen, um die Misere greifbar zu machen:

  • Chardonnay: 50 Liter, statt der 600 in einem normalen Jahr
  • Gewürztraminer: 200 statt 700 Liter
  • Pinot Gris: 200 statt 900 Liter
  • Cabernet Cortis: GAR NICHTS. Den hatte es am schlimmsten erwischt
  • Blauburgunder: GAR NICHTS. Es wird keinen Pinot Noir Wil 2017 geben.

Nur mit dem Rosé und dem Federweissen hat er Glück gehabt. Da hat er die normale Menge «gerade so geschafft». Ein schwacher Trost. Denn er hat nur knapp 1/3 dessen im Keller, was normalerweise drin sein müsste.

Michi Angst zeigt die Einschlagstellen
An den Einschlagstellen sehen die Triebe aus wie Nielen

Was nun?

Michi Angst hätte allen Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Tut er aber nicht. Weitermachen – heisst die Devise. Er hat gar keine andere Wahl. Ob er ins Leere arbeitet, weiss er allerdings nicht. Denn viele «Augen» (=Knospen in der Winzersprache) seien direkt vom Hagel beschädigt worden. Manche Triebe sind gespickt von Hageleinschlägen. Da wo die Hagelkörner auftrafen, sind die Triebe teilweise bis auf den Kern verholzt. Ob da genügend Saft durchkommt, ist ungewiss. Wie schlimm der längerfristige Schaden ist, und wie gross die Ernteeinbussen auch im Folgejahr seien, das sehe man erst im Mai oder Juni. Erst dann wird man den jungen Trieben ansehen, ob und wieviele Trauben vorhanden sind. Bis dahin heisst es: Einfach weitermachen. Auch wenn die ganze Arbeit vielleicht für die Katz’ ist. «Bei den am schlimmsten betroffenen Parzellen wird es auch dieses Jahr keine normale Ernte geben », meint Michi Angst.

Und nicht nur das: Der Zeitaufwand den sie nun fürs Rebenschneiden haben, ist um einiges höher. Viel schwieriger sei es zu beurteilen, welchen Trieb man herunterbindet. «Was sonst eine 2-5 Sekunden-Entscheidung ist, braucht unter diesen Bedingungen des Öfteren 10 Sekunden oder mehr. Das ist eigentlich zu viel». Wie viele Reserven die Pflanzen haben, weiss keiner. Gut möglich, dass die einen oder anderen heuer einfach nur Blätter produzieren. Letztes Jahr haben sie drei Mal ausgetrieben. Einmal vor dem Frost in den warmen Märztagen, einmal nach dem Frost, und dann nochmal aus lauter Verzweiflung nach dem Hagel im August.

Es ist alles... "z Hudle"...
... und "z Fätze".

Die Lage ist desolat. Denn auch die Folgearbeit im Keller sei um einiges schwieriger. Angst erklärt, warum: «Hagelgeschädigte Beeren reifen nicht mehr nach. Das heisst, sie haben viel mehr Gerbstoffe und schmecken bitter. Diese nicht im Wein zu haben, bedarf einiges an Erfahrung und viel Sorgfalt im Umgang mit dem Wein. Aber der Aufwand, restlos alle Beeren auszulesen, sei viel zu gross. Dann hätte man noch viel höhere Kosten».

Kann man denn sonst nichts tun?

Michi Angst redet Klartext: «Wenn ich dieses Jahr keine normale Ernte einfahre – wenn nochmal irgend so etwas passiert wie in den letzten beiden Jahren – dann können wir den Betrieb nicht weiter aufrecht erhalten.»

Ob man sich denn nicht mit Hagelnetzen absichern könne, frage ich. Das lohne sich für den Ertragsweinbau nur bei Tafeltrauben. In einem Betrieb von der Grösse des Weinguts Sonnenberg gehe die Rechnung nicht auf. Zudem hätte der Schutz beim letzten Sturm gar nichts gebracht. Er war derart heftig, dass er alles niedergerissen hätte. In Wil haben die diskusförmigen Hagelkörner sogar Alufensterläden durchschlagen, erzählt Michi Angst. Eine Hagelversicherung gebe es, aber die sei zu kostenintensiv. Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass es in Wil laut Statistik durchschnittlich nicht mal alle 10 Jahre hagelt.

Bleibt nur noch die Hoffnung auf staatliche Hilfe oder private Darlehen. «Fonds Suisse», eine private Stiftung, habe sich bereit erklärt, den geschädigten Schweizer Betrieben, ausserordentliche Unterstützungen gutzusprechen. Wieviel es da geben wird, das weiss Michi Angst aber noch nicht.

Es bleibt zu hoffen, dass die nächste Saison besser wird als erwartet.

Die Triebe sind massiv beschädigt.
...ein trauriges Bild.