Braunvieh auf Alpweide
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Warum gehen die Kühe auf die Alp?

Schon bald ist es wieder soweit: Die ersten Kühe und Rinder beziehen ihr Sommerquartier auf der Alp. Aber: Warum tun die das eigentlich? Es ist ja doch ein beträchtlicher logistischer Aufwand, die Kühe vom Tal auf die Alp zu bringen.

Wir haben mit Martin Pfister vom Birkenhof bei Uster ZH gesprochen, der seine Rinder seit vielen Jahren auf die Alp schickt. Er verrät auch sonst einige spannende Dinge rund um das Thema «Kühe auf der Alp».

Nur knapp ein Fünftel geht z’Alp

Laut dem Agrarbericht 2018 verbringen in der Schweiz ca. 280'000 Tiere den Sommer auf der Alp. Verteilt auf rund 6'700 Betriebe sind das im Schnitt 47 Kühe und Rinder pro Alp.

Das sind jedoch «nur» rund 18,6 % Prozent des gesamten Viehbestandes (rund 1,5 Mio.) in der Schweiz. Die anderen bleiben zuhause. Tatsächlich ist es ein grosser Aufwand und für den Bauern wäre es ein Verlustgeschäft, seine Kühe auf die Alp zu schicken.

Der Bauer bezahlt den Älpler nämlich dafür, dass er sich um seine Tiere kümmert. Pro Milchkuh liegen die Kosten für eine Saison zwischen 700 und 800 Franken und ein Rind kostet ungefähr 200 Franken. Darin enthalten ist eine Entschädigung für die Betreuung, für die Verarbeitung der Milch, die Transportkosten, die Grasmiete auf der Alp, Medikamente und Verbände etc. Für den jeweiligen Anteil der Milch kriegt der Bauer dann aber auch eine bestimmte Menge an Alpkäse.

«Trotz des Käses bliebe die Sömmerung ein Verlustgeschäft, wären da nicht die Subventionen.»

370 Franken kriegt der Bauer pro Tier, das er auf die Alp schickt. Ohne diese würde er rückwärts machen. Doch es macht auch sonst Sinn, die Tiere auf die Alp zu schicken.

Warum werden Kühe auf die Alp geschickt?

Ohne Bewirtschaftung würden alpine Weideflächen zunehmend verwalden. Böse Zungen behaupten, die Kuhhaltung auf den Alpen sei reine Landschaftspflege und ein teurer, aber unnötiger Luxus. Aber ganz so einfach ist es nicht.

In der Schweiz macht es durchaus Sinn, Kühe auf der Alp zu sömmern. Denn die Flächen zur Sicherstellung unserer Ernährung sind knapp, die Schweiz dicht besiedelt. Auf den Weiden in grossen Höhen wächst nichts ausser Gras. Deshalb ist es sinnvoll, die Kühe während der warmen Monate oben weiden zu lassen, um unten im Tal die freiwerdenden Flächen zum Anbau von anderen Kulturen nutzen zu können. Kühe auf der Alp weiden zu lassen leistet bis zu einem gewissen Grad auch einen Beitrag zur Ernährungssicherheit.

«Für die Milchkühe ist das wie Wellness»

Martin Pfister, Birkenhof

Ausserdem wachsen auf den Alpweiden kräuterreiche, vielfältige Gräser und die Bewegung tut den Tieren gut. Martin Pfister sagt: «Als Talbauer habe ich den Eindruck, meine Rinder seien nach dem Aufenthalt auf der Alp robuster, gesünder und fitter. Für die Milchkühe ist das wie Wellness (…) Aber auch sonst finde ich das eine schöne und sinnvolle Zusammenarbeit, es fördert den Kontakt und die Beziehung zwischen Tal- und Bergbauern.»

Wann gehen die Tiere z’Alp?

Wann die Tiere auf die Alp gehen, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Das wichtigste Kriterium ist, dass es genügend Gras hat und die Vegetation genügend weit fortgeschritten ist. Das ist bei tiefergelegenen Alpen etwas früher der Fall. Alpen um rund 850 m ü.M. werden bereits ab Mitte Mai «bestossen», die höhergelegenen Alpen auf über 1500 m ü.M. erst Ende Juni. Im September oder Oktober kommen die Tiere mit dem Alpabzug zurück ins Tal. «Man rechnet damit, dass die Rinder 90 bis 100 Tage, die Kühe 80-90 Tage oben sind. Sobald der Schnee oben weg ist, und das Gras wächst, gehen sie hoch. Und im Herbst, wenn das Wetter umschlägt, kommen sie wieder runter. Auch wegen der Jagdsaison, die dann beginnt», sagt Pfister.

Nur knapp ein Fünftel aller Rinder und Kühe in der Schweiz verbringen den Sommer auf der Alp. (Bild: Stephanie Pfister)

Die Tiere werden durch die Bewegung und die vielen Kräuter robuster. (Bild: Stephanie Pfister)

Ab Mitte Mai gehen die ersten Kühe auf die Alp, wo sie rund 100 Tage bleiben. (Bild: Stephanie Pfister)

Der Alpabzug wird vielerorts traditionell gefeiert. Dies sei aber vor allem in touristisch geprägten Regionen der Fall, meint Martin Pfister, seine Alp mache daraus keine grosse Sache.

Wird auf jeder Alp Käse produziert?

«Nur auf den Alpen, auf denen Kühe sind», sagt Pfister, «die schönen Alpen, mit grossen Weideflächen und wenig Absturzgefahr, das sind so genannte «Kuhalpen», da gibt es meist auch eine Käserei. Die raueren, steileren und gefährlicheren sind dann «Rinderalpen».» Rinder geben ja keine Milch, deshalb wird da auch nicht gekäst.

Gibt es auch Nachteile, wenn man seine Tiere auf die Alp schickt?

Pfister sagt: «Ja, es ist schon gefährlich. Man muss immer damit rechnen, dass eine Kuh abstürzt, in einen Steinschlag kommt oder vom Blitz getroffen wird. Aber über das Ganze gesehen lohnt es sich trotzdem. Wir verlieren im Schnitt so alle 5-10 Jahre ein Tier auf der Alp. Aber meist ist es kein Totalverlust, wenn ein Tier einen Unfall hat. Man kann es meistens noch metzgen und das Fleisch trotzdem verwenden.

Was passiert oben auf der Alp? Wie verläuft so ein Tag?

Hierzu hat der Birkenhof ein wunderschönes Video gemacht, das den Alpalltag gut illustriert:

Kurz für euch zusammengefasst: Der Tag startet sehr früh, meist schon um 3 oder 4 Uhr morgens. Dann werden die Kühe in den Stall gebracht und gemolken. Die Milch geht dann direkt in die Sennerei, wo sie zu Alpkäse verarbeitet wird. Die Pflege der Käselaibe ist eine tagesfüllende Aufgabe der SennerInnen. Nach dem Melken werden die Kühe wieder auf die Alpweiden gebracht, wo sie den ganzen Tag Gras fressen. Am Abend zwischen 18 und 20 Uhr werden die Tiere ein zweites Mal gemolken.

ÄlplerInnen gesucht!

Auch auf den Alpen waren seit Jahren viele Leute aus dem Ausland beschäftigt, die jetzt wegen der Corona-Krise Schwierigkeiten hatten, in die Schweiz zu gelangen, oder schon gar nicht kommen wollten. Der LID hat einen entsprechenden Artikel verfasst.

Wer also schon länger mal mit einem Alpsommer liebäugelt: JETZT wäre gar nicht so schlecht. Interessierte Personen können sich hier melden. Aber Achtung: Die Arbeit ist anstrengend und eben auch nicht besonders gut bezahlt.

Einblick ins Alpleben

Wer einen tieferen Einblick ins Leben auf der Alp kriegen möchte, ohne selbst den Sommer da oben zu verbringen, dem sei das Buch «Traum Alp» von Daniela Schwegler empfohlen. Ähnlich wie im Buch «Landluft», das wir hier auf FarmTicker vorgestellt haben, portraitiert Schwegler auf rund 250 Seiten 12 Älplerinnen auf ganz unterschiedlichen Betrieben. Sie stellt einfühlsam und detailliert dar, welche Herausforderungen das tägliche Leben auf der Alp mit sich bringt, und warum sich manche Leute immer und immer wieder dafür entscheiden, den Sommer auf der Alp zu verbringen.

Alpen-Glossar

Während der Recherche zu diesem Artikel tat sich mir eine ganz neue Begriffswelt auf. Was bedeuten «Sömmern», «bestossen», «Stafel» und was ist ein «Normalstoss»? Die Website Alporama.ch hat ein umfangreiches Glossar zusammengestellt.

Geht schmökern, ist spannend! 😉

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

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