Essen Bauern ungesund?

24. November 2015 Valérie

Auf modernfarmer.com erschien kürzlich ein Artikel mit dem provokativen Titel „Why many farmers eat like crap“ zu Deutsch: “Warum sich viele Bauern schlecht ernähren“.

Die Autorin Leah König geht der Frage auf den Grund, wie es um die Ernährung amerikanischer Bauern steht und warum viele von ihnen sich ungesund ernähren. Die Ironie am Ganzen sei, dass Bauern zwar viel gesundes Gemüse produzierten, selber aber kaum davon essen würden.

80 Prozent der Bauern in Kaliforniens „Central Valley“ seien übergewichtig. Vor allem während der Hochsaison würden sich Bauern ungesund ernähren. Pizza, Donuts, Cola und Co. seien an der Tagesordnung. Der Hauptgrund: Die mangelnde Zeit für die Verpflegung. Der erhöhte Druck auf die Preise und die immer grösseren Anbauflächen führten zu Tagen ohne ausreichende Pausen. Zeit, sich ein „richtiges Essen“ zu kochen, bleibe nicht. Was auch viele der interviewten Bauern im Artikel bestätigen: „Während der Weizen oder Zuckerrübenernte gibt es keine Zeit für einen Mittagshalt. Typischerweise habe ich eine Hand am Steuerrad des Traktors und fische mit der anderen Hand etwas aus meiner Lunchbox“. Einhändig essbare Sachen müssten es sein. Abgesehen davon sei niemand mehr zuhause, der gesunde Menus kochen könne, da alle Familienmitglieder eigenen Jobs ausserhalb der Farm nachgingen.

Und die Situation bei uns?

Wir haben uns gefragt, ob das bei uns auch so ist, oder ob es sich um ein „rein amerikanisches Problem“ handle. Allerdings fehlen im Artikel Zahlen zum durchschnittlichen BMI (Body Mass Index) der amerikanischen Bevölkerung. In der Schweiz betrug der Anteil an übergewichtigen Leuten gemäss Wikipedia im Jahr 2007 37,3%.

Wie steht es mit den Leuten, die bei uns auf dem Feld arbeiten? Haben die die Möglichkeit, sich gesund und ausgewogen zu ernähren?

Dass es während der Erntezeit schwierig wird, eine anständige Mittagspause mit ausgewogenem Essen zu machen, kann auch Martin Jucker bestätigen: „Wenn Regen angesagt ist, dann fährst du auf dem Feld einfach durch, bis alles im Trockenen ist“. Das Bild mit dem einhändigen Essen auf dem Traktor sei auch in der Schweiz während gewissen Monaten ein realistisches. Bleibt also keine Zeit für das gediegene Ruccola-Salätli. Es muss sich mit einer Hand essen lassen.

Stefan Bächli, Leiter Obstbau der Jucker Farm AG, ist froh, dass wir uns – zumindest auf den Höfen in Seegräben und Jona - in einer privilegierten Lage befinden: „Zum Glück haben wir hausgemachte Sandwiches mit Salat und Tomaten. Und Äpfel, die unsere Mitarbeiter gratis essen dürfen“. Auf dem Juckerhof in Seegräben und auf dem Bächlihof in Jona übernimmt die Aufgabe der Verpflegung für unsere Mitarbeiter die HofChuchi. Neben einem Salatbuffet gibt es auch vom warmen Buffet immer eine Auswahl an Gemüse. Jeder kann selber entscheiden, was er isst. Es bleibt auch an vollen Tagen irgendwann Zeit für eine Mittagspause.

Raphael Peterhans, Stv. Leiter Spargelhof Rafz
Harte Arbeit der Erntehelfer auf dem Feld

Auf dem Spargelhof in Rafz sieht die Lage etwas anders aus. Da gibt es keinen fix installierten Restaurationsbetrieb. Raphael Peterhans, stellvertretender Betriebsleiter des Spargelhofs in Rafz erklärt die Situation folgendermassen:

„Bestimmt hat sich einiges verändert, von der traditionellen Landwirtschaft wie sie meine Eltern und Grosseltern erlebt haben, zu den Bedingungen die heute auf einem modernen Landwirtschaftsbetrieb herrschen. Heute sind vermehrt spezialisierte Betriebe anzutreffen, welche weniger vielfältig, aber umso professioneller produzieren. Wo früher meist eine Ehefrau oder Grossmutter für die Verpflegung von Männern und Angestellten zuständig war, sind heute auf einigen Betrieben die Frauen ausserhalb des Betriebes tätig. Zudem ist der Leistungsdruck auf die produzierende Landwirtschaft grösser geworden.“

Eine Frage der Entscheidung

Dies habe aber, seiner Meinung nach, keinen direkten Einfluss auf die Ernährung. Zwar bleibe heute weniger Zeit zum Kochen: „Gerade in der Saison beginnen die Arbeitstage früh morgens und dauern bis am Abend, wenn die meisten Geschäfte geschlossen haben. Sprich das Einkaufen einer ausgewogenen und gesunden Ernährung beschränkt sich auf die freien Tage oder Halbtage und verlangt eine vorausschauende Planung.“ Das werde aber selten so umgesetzt. Während der einstündigen Mittagspause werde von den Mitarbeitern meist ein vorgekochtes Menu aufgewärmt. Auch bei uns seien RedBull, Cola und Kaffee hoch im Kurs.

Jedoch sei gesunde Ernährung etwas, wofür sich jeder selber entscheiden könne: „Das gesunde Essen ist meist eine Organisationssache, welche von der jeweiligen Person abhängig ist. Sicher gibt es Zeiten, zu denen die Zeit zum Kochen und Einkaufen knapp ist, meist kommt es aber auf die Priorisierung an, ob genug Zeit fürs Kochen und Essen eingeplant wird.“

Dies ist auch der Tenor von mehreren Kommentatoren des Artikels auf modernfarmer.com. Viele davon geben an, selber Bauern zu sein. Es gebe eben – unter Bauern, wie auch beim Rest der Bevölkerung – Leute, die mehr auf ihre Ernährung achten, und solche die es eben nicht täten. Die Zeit, die man sich fürs Essen nehme, habe auch in der Stadt und bei Bürojobs abgenommen. Das sei mehr eine Zeiterscheinung, als ein bauernspezifisches Problem. Die Grösse und die Struktur des Betriebs scheinen zwar durchaus eine Rolle zu spielen, aber es liege immer noch im Ermessen der einzelnen Person, wie sie sich ernähre.

Martin Jucker bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel. „Die Arbeit auf dem Land hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Viele Arbeiten, die bis vor wenigen Jahren tatsächlich noch von Hand erledigt wurden, sind schrittweise durch Maschinen ersetzt worden. Bei unseren Arbeitern kann man genau sagen, wer vorwiegend auf dem Traktor sitzt und wer als Erntehelfer wirklich noch physische Arbeit leistet. Bei den Erntehelfern findet man keinen einzigen mit Übergewicht.“ Bei vielen Bauern habe das Umdenken noch nicht stattgefunden. Man sei sich von früher immer noch gewohnt, dass man eben futtern musste, was das Zeug hält, um überhaupt genügend Energie zu sich nehmen zu können. „Da spielte es auch keine Rolle, was genau reinkam. Hauptsache, es hatte Kalorien. Das war bei den Bauern einfach so.“