Dinnair Kühltruhe Rafz
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Harte Landung für Dinnair

«Dinnair – tiefgekühlte Lebensmittel, produziert in der Schweiz, ohne Verpackung verkauft». Es klang wie eine vielversprechende Vision. Gerade in heutigen Zeiten, in denen immer mehr auf weniger Verpackung gesetzt wird.

Und anfangs sah es tatsächlich aus, als würde Dinnair sehr schnell abheben. Peter Zihlmann war beflügelt, die kantonalen Lebensmittelbehörden hatten der Idee grünes Licht gegeben. Doch dann kam alles anders…

Es folgt ein typisches Exempel des immergleichen, sich wiederholenden Konflikts: Die innovative Dynamik der Kleinfirmen knallt in die starren Strukturen der Gesetzgebung.

 

Covid-19-Fluch und Segen

Das turbulente halbe Jahr begann im März mit dem Lockdown. Für Dinnair eine spannende Zeit: Zum einen schnellten die Umsätze der 14 bestehenden Kunden für einige Wochen in die Höhe. Doch das Werk, das die Truhen produzierte, wurde kurzerhand stillgelegt. Dinnair kriegte keine neuen Truhen. Das bedeutete, dass auch keine neuen Kunden akquiriert werden konnten. Peter Zihlmann hatte noch zwei Truhen und die stellte er dort auf, wo er sich den grössten Umsatz erhoffte: Im Hofladen auf dem Römerhof in Kloten.

Peter Zihlmann nutzte die gewonnene Zeit, Dinnair in allen Prozessen nochmal zu optimieren. Anfang Mai gelang schliesslich die Aufgleisung einer Zusammenarbeit mit einem Logistikunternehmen, um die ganze Schweiz mit den hochwertigen Tiefkühlprodukten beliefern zu können: «Nun, so schien es, lag uns die ganze Schweiz offen. Die Motivation erreichte gar einen neuen Höchststand», erzählt Peter in seinem Dinnair Tagebuch-Newsletter, «Dinnair war zur Handelsplattform für Kleinproduzenten im Tiefkühlbereich herangewachsen. Mit einem rigorosen Verzicht auf sämtliche künstliche Zusatzstoffe und als schweizweit einziger Anbieter von Tiefkühlkost im Offenverkauf (unverpackt) hatten wir starke Trümpfe in der Hand».

Niemandem war der Fehler aufgefallen...

Zihlmann hatte bei der Aufgleisung seiner Firma nicht «einfach etwas gewurstelt». Durch seine Tätigkeit bei einem Schweizer Grossdetailhändler war er mit komplexen Lebensmittelvorgaben sehr wohl vertraut. Seine Vorbereitung war minutiös, und trotzdem passierte ein Fehler, der Dinnair fast das Rückgrat brach.

Sein Betriebskonzept hatte Zihlmann in Zusammenarbeit mit dem Laboratorium der Urkantone entwickelt. Sicherheitshalber hatte er das Konzept vor dem grossen Start nochmal in einem schriftlichen Bericht behördlich absegnen lassen. Und es lief gut.

«Das ganze Konzept funktionierte über Monate wunderbar und nahm immer mehr Schwung auf. Ich hörte von Lebensmittelkontrollen bei unseren Verkaufspartnern in Thun, Schwyz und Glarus, wo ebenfalls die Funktionsweise unseres Offenverkaufes als gut und umsetzbar schriftlich festgehalten wurde. Es machte den Anschein, als hätten wir die Autobahneinfahrt direkt unter unseren immer schneller werdenden Rädern», beschreibt Zihlmann.

«Tiefgefrorene Lebensmittel müssen vorverpackt sein».

Verordnung des EDI über die Hygiene beim Umgang mit Lebensmitteln vom 16. Dezember 2016, in Artikel 25, Absatz 4

Aber dann kam die Zürcher Lebensmittelkontrolle im Mai 2020 auf dem Spargelhof in Rafz. Die damalige Inspektionsperson machte gegenüber dem Verkaufspersonal im Laden die Aussage, dass tiefgekühlte Lebensmittel nicht ohne Verpackung verkauft werden dürfen. Zihlmann glaubte zuerst an ein Missverständnis. Er hatte sich ja alles von anderen kantonalen Lebensmittelbehörden bestätigen lassen. Schwarz auf weiss kriegte er es zwei Tage später, einen Tag nach Auffahrt.

Nochmal setzte sich Zihlmann hin und kämmte Dokument um Dokument. Und dann stand es da schwarz auf weiss in der Verordnung des EDI über die Hygiene beim Umgang mit Lebensmitteln vom 16. Dezember 2016, in Artikel 25, Absatz 4: «Tiefgefrorene Lebensmittel müssen vorverpackt sein.»

«Es vergingen Minuten, bis ich überhaupt realisierte, was da gerade passiert war. Es war ein Kartenhaus, MEIN Kartenhaus, das gerade in sich zusammenstürzte und in Flammen aufging», beschreibt Zihlmann diesen Moment des Grauens.

Wie konnte es sein, dass Dinnair während Monaten durch Fachprofis vom Kanton Schwyz begleitet wurde und nun die Zürcher kamen und etwas ganz anderes erzählten? Kantönligeist? Nein, diese Gesetzgebung gilt national.

Der Phönix aus der Asche

Der Boden unter den Füssen war weg. «Die nächsten sieben Tage waren die dunkelsten im meinem ganzen Berufsleben. Nach Plan A, ging nun auch Plan B meiner jungen Firma in Flammen auf. Dinnair hatte für mich in diesen Tagen nach über 2 Jahren keine Daseinsberechtigung mehr. Ohne den Offenverkauf lande ich im Haifischbecken des Massenmarktes. All dass, was so revolutionär schien, war nicht mehr da.»

Schon einmal hatte Peter Zihlmann Dinnair in der Startphase von Grund auf neu erfunden. Die Kraft, dies nochmals zu tun, fehlte ihm – vorerst. Viele gute Gespräche, Sport und einige Rotweingläser später kam er nicht zuletzt mit Hilfe seiner Partnerin wieder auf die Beine. «Doch es fühlte sich nicht an wie eine Wiedergeburt. Ich hatte lediglich die Kraft zurückgewonnen, im Minimum die Firma weiter am Leben halten zu wollen und nicht den ganzen „Bettel“ hinzuwerfen.»

Ist «Zero Waste» plötzlich egal?

«Mit einem dicken Briefpaket ging ich Tage darauf zur Sihlpost in Zürich und schickte, gut dokumentiert, den ganzen Vorfall nach Bern ans Bundesamt für Lebensmittel und Veterinärwesen BLV mit einer Bitte, hier eine Ausnahme zu machen. Hatten wir doch ein Jahr lang bewiesen, dass das Konzept einwandfrei funktionierte. Doch es gab keine Gnade.»

Auch das kantonale Laboratorium in Schwyz sistiere schon bald ihr damaliges Schreiben. Die Antwort: «Leider haben wir nachträglich festgestellt, einen wichtigen Grundsatz außer Acht gelassen zu haben». Und weiter: «Wir bedauern unsere Unaufmerksamkeit.»

Bedauern ist ein großes Wort, wenn man auf zehntausenden von investierten Franken sitzt, ohne die Chance, sie wieder zurückzugewinnen.

«Also haben wir uns auf den politischen Weg gemacht. Überall – auch in der Politik gab es doch Bestrebungen, wo immer möglich neue Wege zu finden, um Abfall zu reduzieren. Wir machten uns auf die Suche nach Verbündeten, um (auf diesen Irrsinn aufmerksam zu machen. Doch selbst von thematisch affinen Politikern kam die Antwort: Das Vorhaben ist chancenlos, hier unterstehen wir den Vorschriften der EU und eine Sondergenehmigung in der Schweiz hätte keine Chance.»

Tiefkühlprodukte

Dieses Bild (Nov 2019) gehört der Vergangenheit an...

Das Konzept "unverpackt" ist gestorben... (Bild: Mehrweggebinde im Dinnair-Lager).

Ab sofort müssen alle Dinnair-Produkte verpackt verkauft werden. So will es das Gesetz.

In nächtelanger Handarbeit haben Peter und seine Partnerin die tiefgekühlten Produkte abgepackt.

Keinen Sündenbock

Besonders schwer zu ertragen war, dass niemand Peter sagen konnte, was wirklich das Problem am Offenverkauf war. Über 1 Jahr lang hatten er mit Dinnair bewiesen, dass es geht: «Viele Fachleute und Inspektoren haben unser Konzept begutachtet, und hielten es für gut und umsetzbar. Beurteilt nach gesundem Menschenverstand gab es von all diesen Fachleuten keine einzige Beanstandung.» Zihlmann hat bis heute keine Antwort.

Manche Nacht trieb ihn die Frage um, ob er Anklage erheben sollte. Der finanzielle Schaden trieb Dinnair an den Rand des Abgrunds. Sich selber hatte Zihlmann beim besten Willen nichts vorzuwerfen: «Ich war mir sicher, dass auch die damaligen Inspektoren, welche mir den Prüfbericht ausgestellt haben, nicht die ruhigsten Nächte ihres Lebens hatten. Doch eine solche Geschichte verlangt nach einem Sündenbock.» Zihlmann hatte sich bei seiner Investition auf die Expertise dieser Leute verlassen. Und nun war alles Schall und Rauch.

Und trotzdem kam Peter zum Schluss, dass er von einer Anklage absehen würde: «Diese Personen haben mich monatelang wohlwollend unterstützt und mir ihren Support gegeben. Nett und wohlwollend. Sie standen zu 100% hinter diesem Konzept. Erachteten es als zeitgemäß und innovativ. Es war einfach dieser Fehler durch Unwissen. Scheisse passiert. Punkt. Fertig.»

Plan C

Zihlmann nahm also Abschied von Plan B, und kreierte Plan C. Es war wieder mal an der Zeit, eine Firma neue aufzustellen. Von Grund auf. Innert 24 Stunden entwarf Zihlmann ein neues Konzept für eine Verpackung. Doch der Hauptgrund für Zihlmann, nicht das Handtuch zu werfen, war die ganze investierte Aufbau-Arbeit und die guten Beziehungen zu all seinen Kleinproduzenten, die tagtäglich ihr Herzblut und ihr Wissen in die Herstellung der Dinnair-Produkte steckten.

Leute aus Tibet, Argentinien, Thailand, Neuseeland, Italien, der Türkei oder auch von hier, aus der Schweiz, mit ihren Momos, Empanadas, Frühlingsrollen, Pies, Sofficinis, Falafel, Capuns, Chäschüechli und allem. «Aus all den beruflichen Bekanntschaften ist für mich eine multikulti-Dinnair Familie entstanden. Vielleicht ging es bei Dinnair ja gerade darum, all diese Geschichten und Nationalitäten in einem Produkt zu vereinen. Und mir wurde bewusst, wie wertvoll das alles war und immer noch ist. Viel zu schade, um einfach wegzuwerfen», sagt Zihlmann.

Um-verpackt statt unverpackt

So begann Zihlmann mit dem um-verpacken unserer Lagerbestände. Die Tiefkühlzelle war zu diesem Zeitpunkt aufgrund des „Corona-booms“ knallvoll. Er bestellte 10‘000 Beutel stempelte nächtelang Logos drauf. Von Hand. 6 Wochen lang haben Peter und seine Partnerin anschliessend Unverpackt-Produkte eingepackt. Seiner Partnerin, die nebenbei auch noch einen 100%-Job hatte, windet Peter ein Kränzchen: „Ohne sie hätte ich wohl aufgegeben“.

Ob die bestehenden Verkaufspartner Dinnair trotz des grundlegenden Konzeptwechsels weiterhin im Verkauf behalten würden, wusste Zihlmann zu dem Zeitpunkt noch nicht. Doch siehe da: Für die allermeisten Partner war das gemeinsame Weitergehen keine Sekunde fragwürdig. «Einzig zwei Geschäftsbeziehungen musste man beenden, da wir mit unserer Verpackung schlicht nicht mehr ins Ladenkonzept passten», sagt Zihlmann.

Zurück auf der Startbahn

Und es kam noch besser: Dinnair konnte mit dem neuen System auch Kunden dazugewinnen. Auch eine Partnerschaft bei «Too Good to Go» war eine logische Folge der ganzen Erfahrung. Wir wollten sofort Teil einer Bewegung sein, die sich dafür einsetzt Lebensmittel nicht nach Datum zu entsorgen, sondern die Beurteilung mithilfe unserer Sinne vornimmt.

Und Dinnair setzte gleich noch eins obendrauf: «Um nun richtig an Fahrt zu gewinnen, brauchten wir Unterstützung. Jemand der tagtäglich auf Kundensuche geht und damit hilft, das Wachstum von Dinnair kräftig voranzutreiben.» Trotz aller Zweifel, ob es richtig ist, so nahe am Abgrund die Verantwortung für einen neuen – den ersten (!) Dinnair-Mitarbeiter überhaupt zu übernehmen, entschied sich Zihlmann für diesen Schritt. Flucht nach vorne lautet die Devise.

Wenn Dinnair wie ein Phönix aus der Asche wiedererstehen würde – es wäre nur fair.

 

Den (sehr emotionalen) Erfahrungsbericht von Peter Zihlmann in Gesamtlänge kann man hier nachlesen.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Harte Landung für Dinnair”
    Cornelia B.

    Ich hätte diese Produkte vermisst! Macht weiter so!

    Antworten
    Valérie Sauter

    Danke!

    Antworten

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