Kalb mit Fläschchen
Antworten von Valérie

“Faire” Milch?

Es wäre ein schönes Bild: Das Kälbchen trinkt bei der Kuh am Euter auf der grünen Wiese, im Hofladen stehen die mit frischer Milch befüllten Flaschen aus Glas. Und weil die Wiese so grün war, schmeckt jeder Schluck wie pures Lebenselixier.

Filmschnitt.

Wie läuft das eigentlich mit der Milch? Die kommt von den Kühen. So ganz generell. Aber was man vor dem Gestell im Grossverteiler gerne vergisst: Nur Kühe, die innerhalb des letzten Jahres ein Kalb geboren haben, geben Milch. Danach versiegt der Milchfluss. Und die Milch, die wir kaufen, ist generell Milch, die eigentlich für das Kälbchen bestimmt wäre.

Dem Kalb die Milch wegnehmen

Wer schon mal gestillt hat oder näher damit zu tun hatte weiss, dass der weibliche Körper (im besten Fall) tendenziell mehr Milch gibt, wenn man mehr abpumpt. Das ist auch bei den Kühen so. In der konventionellen Milchproduktion wird das Kälbchen bereits nach 2 Tagen abgestillt und von der Mutter getrennt. Fortan wird es mit frischer Kuhmilch aus Nuckeleimern gefüttert. Die Mutter wird 2x täglich gemolken. Egal, wie man dem gegenübersteht: Es entspricht nicht dem idyllischen Bild, das man beim Kauf seines Tetrapacks vor Augen hat.

Das Bild des Kälbchens, das bei der Mutter trinkt, ist in den wenigsten Fällen eine Situation, aus der es auch noch Milch für den Menschen gibt. In der sogenannten «Mutterkuhhaltung» trinkt das Kalb bei der Mutter Milch, bis es gross genug für den Schlachthof ist. In nur ganz wenigen Fällen wird gleichzeitig Milch produziert. Ist das Kälbchen weg, versiegt auch die Milch und die Mutterkuh gibt erst wieder Milch, wenn ein neues Kalb geboren ist.

«In nur ganz wenigen Fällen wird gleichzeitig Milch produziert»

Es geht auch anders

Doch gibt es nicht auch andere Formen der Milchproduktion? Als tierfreundlicher Konsument lässt einen die Frage nicht mehr los. Tatsächlich sind Mutter- und ammengebundene Haltungsformen in der Milchproduktion am Aufkommen. Und hier fängt es an kompliziert zu werden, denn es gibt die unterschiedlichsten Theorien und praktischen Ansätze, was für Mutterkuh und Kalb am besten ist.

Jeder praktizierende Betrieb findet hier individuelle Lösungen. Dabei unterscheiden sich die Praktiken beispielsweise darin, ob die Kälber von einer Mutterkuh oder von einer Ammenkuh gesäugt werden. Oder ob, wann und wie oft die Mutterkuh zusätzlich gemolken wird. Oder ob, wie und wie häufig Kalb und Mutter Zeit zusammen verbringen und wie lange das Kalb jeweils trinken kann. Eine umfangreiche Auflistung findet sich auf dieser FiBL-Website.

Beispiel einer ammengebundenen Kälberaufzucht

Ein Beispiel eines Betriebs mit ammengebundener Kälberaufzucht ist der Rheinauer Gutsbetrieb Fintan, der auf bioaktuell.ch vorgestellt wird. Die Kälber sind auch da nur die ersten 36 Stunden permanent bei der Mutter. Dann werde der Kontakt stufenweise reduziert. Die Kälber werden danach Ammenkühen zugeteilt. Also Kühen, die zwar Mutter von einem Kälbchen sind oder waren, aber nicht die eigene Mutter. Im Alter von 4-6 Monaten werden dann auch diese Kälber abgetränkt.

Was ist am Besten?

Darüber, welche Variante für die Tiere am besten ist, ist man sich nicht einig. Manche sagen, es sei für die Tiere am besten, die Trennung so früh wie möglich zu vollziehen. Dies in der Annahme, der Trennungsschmerz für beide sei kleiner, bevor sich Mutter und Kind aneinander gewöhnt haben. Andere wiederum lassen die Kühe und Kälber möglichst lang beisammen.

«Welchen Weg man wählt, hängt auch damit zusammen, ob man sich eher auf die Milch- oder auf die Fleischproduktion konzentriert»

Eva-Maria Wilhelm, Demeter Schweiz

Auch DEMETER, das Label für biodynamische Landwirtschaft, schreibt seinen Produzenten nicht vor, wie sie es handhaben sollen: «Demeter schreibt bezüglich Aufwachsen der Kälber nicht eine bestimmte Haltung bzw. eine bestimmte Zeit vor, welche das Kalb bei der Mutter bleibt. Teilweise ändern die Bauern die Haltungsweise, machen ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichen Möglichkeiten und suchen den für sie vertretbarsten Weg», erklärt Eva-Maria Wilhelm von Demeter Schweiz. Welchen Weg man wähle, hänge auch damit zusammen, ob man sich eher auf die Milch- oder auf die Fleischproduktion konzentriere, ergänzt sie. Ein Demeter-Ideal ist jedoch das Zweinutzungstier – es gibt sowohl Milch, setzt aber auch Fleisch an – für das sich die Bauern im Projekt «Demeter-Rind» einsetzen. Denn auch männliche Kälber von Milchkühen sollen mit Muttermilch aufwachsen und wesensgerecht leben dürfen.

Schwierige Gratwanderung

Doch einfach ist die Mutter- oder ammengebundene Kälberaufzucht nicht. Es braucht sehr viel Erfahrung und persönlichen Einsatz, diesen Zwischenweg zu gehen. Denn von Kühen, die zusätzlich noch Kälber säugen, gebe es per se weniger Milch (Quelle: Schweizerbauer). Zudem könne es Probleme geben, weil die Kühe ihre Milch beim Maschinenmelken nicht mehr geben würden, nachdem sie ein Kalb gesäugt haben.

„Hier steht man noch ganz am Anfang“

Auf Anfrage haben unsere Milchlieferanten des Verbunds der „natürli-AG“  und die Käserei Camenzind bestätigt, dass sich auch in ihren Kreisen keine Bauern befinden, die die mutter- oder ammengebundene Aufzucht in Kombination mit Milchproduktion praktizieren. Hier steht man noch ganz am Anfang. Es wird sich zeigen, ob sich neue Konzepte in diese Richtung etablieren. Auf jeden Fall wäre es ein verfolgenswerter Ansatz.

Interessierte finden spannende zur Mutter- oder ammengebundenen Kälberaufzucht in einem 28-seitigen Merkblatt des FiBL.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenns "brennt". Die Medienwissenschaftlerin hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet.

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