Schweizer Bauer - Bittere Ernte
Antworten von Valérie

Bittere Ernte

Ich war an der Matinée im Kino Qtopia in Uster. Weil ein Film gezeigt wurde, der eine weltweite bäuerliche Problematik thematisiert. Zitat vom Film-Flyer:

«Les Dépossédés (deutsch übersetzt mit «Bittere Ernte») rückt eine humanitäre Katastrophe ins Bewusstsein, welche rund die Hälfte der Weltbevölkerung betrifft, aber kaum in unser Bewusstsein dringt: Die Situation der Bauern, die zwar Nahrungsmittel produzieren, aber meist selber nicht genug haben, um sich zu ernähren oder – wie oft hierzulande – in eine existenzbedrohende Schuldenfalle geraten. Der Film geht den Ursachen dieses Elends nach und zeigt Zusammenhänge auf, die auf unser Wirtschaftssystem, aber auch auf die Schweiz als Sitz bedeutender agrochemischer Unternehmen und Knotenpunkt des Handels mit Lebensmitteln verweisen».

«Abgesahnt wird woanders»

Eine der Botschaften des Films

Der Film von Mathieu Roy ist eine Schweizerisch-Kanadische Co-Produktion, an der auch das Schweizer Radio und Fernsehen SRF beteiligt war. 78 Minuten lang gibt es Szenen aus der ganzen Welt, wie sie in der Landwirtschaft in Afrika, Indien, aber auch in der Schweiz geschehen: Bauern, die durch die hohe Verschuldung in den Selbstmord getrieben werden. Schulden die sie machen, um Saatgut oder Pflanzenschutzmittel zu kaufen. Schulden die wegen wiederholten Missernten immer grösser werden. Sie sind in einem Bereich tätig, der hochdefizitär ist, weil anderswo auf der Welt grösser und effizienter produziert wird und weil der Preis ihrer Ware von Spekulationen abhängt. Die Bauern können sich die Produktion ihrer eigenen Nahrungsmittel nicht mehr leisten. Abgesahnt wird woanders. Nämlich zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten, im Handel. Der globale Handel hat hier massive Konstruktionsschäden. Diese seien gemäss WTO zwar in Arbeit – doch den Leuten auf dem Feld rennt die Zeit davon.

Doch was hat das mit uns zu tun? Inwiefern sind die Situationen von Bauern in der ganzen Welt und in der Schweiz vergleichbar?

Als Vertreter der hiesigen Landwirtschaft war Martin Jucker zur anschliessenden Diskussionsrunde eingeladen, in einem Gespräch mit dem SRF-Dokumentarfilmer Daniel Mennig. Der studierte Agronom gelte als «Bauernschreck», erwähnte eine Zuschauerin. Davon war aber im Gespräch nicht viel zu spüren. Im Gegenteil. Man war sich einig: Die Richtung, in die sich die globale Landwirtschaft entwickelt, ist falsch und es gibt noch viel zu tun, um die Situation der Bauern weltweit zu verbessern. Um innovative Bauern wie Martin Jucker ist man froh, denn sie dienen den Vertretern der freien Marktwirtschaft als lebender Beweis, dass es eben doch geht, ohne Subventionen unternehmerisch erfolgreich zu sein.

«Das kann nicht jeder Bauer»

Einsicht aus der Diskussion mit Martin Jucker

Doch wer kann das schon? Nur wenige sind dafür gemacht. Die Gebrüder Jucker sind herausragende Exemplare jener wenigen Persönlichkeiten, die mit so einer Situation umgehen können. Das kann nicht jeder Bauer. Und nicht jeder Bauer hat einen Hof an solch schöner Lage, wie die beiden.

Und – wir sind hier in der Schweiz. Einem Land, in dem genügend Wasser und Infrastruktur vorhanden ist. Wir haben Strom mit zuverlässiger Versorgung, befahrbare Strassen, eine unkorrupte Regierung. Ein massiver Standortvorteil – nicht zu vergleichen mit indischen oder afrikanischen Verhältnissen.

Afrkanische Bäuerin

Bäuerin in Afrika - Bild: Vinca Film

Mann auf Feld vor Hochhäusern

Auf einem Feld in Indien - Bild: Vinca Film

Das Erfolgsrezept - selber vermarkten.

Trotzdem bleibt die Frage: Wie geht der Bauer mit dem steigenden internationalen Preisdruck und den damit entstehenden Abhängigkeiten um?

Der Schlüssel liege darin, seine Produkte selber und direkt zu vermarkten. Den Handel dazwischen umgehen und die Produkte direkt an den Konsumenten zu bringen. Jucker Farm vermarktet 70% der Produkte selber, und das ganz bewusst: «Wir haben irgendwann beschlossen; Wir machen dieses Spiel nicht mit. Wir wollen nicht dieses letzte Glied in der Kette sein», sagt Martin Jucker. Es war ein Entschluss, die Kontrolle über die gesamte Kette wiederzuerlangen.

«Wir wollten nicht dieses letzte Glied in der Kette sein»

Martin Jucker über ihren Entschluss, selber zu vermarkten.

Die Beziehung und die Kommunikation zwischen Konsument und Bauer soll wieder hergestellt werden und damit könne man auch wieder zurückkommen zu einem normalen Preisempfinden und Vertrauen zu den Menschen, die unsere Nahrung produzieren.

«Hier bietet die Digitalisierung eine tolle Möglichkeit zum Brückenschlag», erwähnt Martin Jucker. Was er damit meint ist, zum einen Online-Betriebskanäle zu nutzen, wie er das bereits in Kooperation mit dem Online-Hofladen farmy.ch tue, oder zum anderen das selbstgegründete Online-Magazin farmticker.ch, das Zusammenhänge und Hintergründe rund um das Leben auf dem Bauernhof liefert.

Das sind natürlich Werkzeuge, die Strom und einen Anschluss ans weltweite Netz bedingen. Wieder etwas, wovon weite Teile der Weltbevölkerung noch immer ausgeschlossen sind. Aber es wäre eine Stossrichtung, in die unsere Schweizer Bauern zielen könnten.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie liebt schöne Texte und hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Bittere Ernte”
    Elisabeth Heimlicher

    was ich mir gern noch wünsche: nur noch biologisch produzieren. und für landwirtschaft in entwicklungsländern ist BIOVISION vorbildlich.

    Antworten
    Nadine Gloor

    Bio ist auch nicht immer besser ;) Das haben wir in einem anderen Artikel hinterfragt: https://www.juckerfarm.ch/farmticker/antworten/ist-bio-wirklich-besser-teil-1/

    Antworten

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