Kritik an Direktzahlungen
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Direktzahlungen in der Kritik – Teil 2

Dass wir in der Landwirtschaft lieber von «Direktzahlungen» statt von «Subventionen» sprechen, und was die genau beinhalten, haben wir in Teil 1 dieser Serie erklärt.

Nun liegt es aber auf der Hand – Direktzahlungen stehen in der Kritik: «Generell zu viel», «machen Landwirte abhängig», «ersticken Unternehmergeist im Keim», «Fehlanreize», «Schuss geht nach hinten los», «generiert einen unsäglichen Verwaltungsapparat»… Die Liste der Vorwürfe ist lang, der Unmut gross. Richtig zufrieden mit dem System ist eigentlich niemand – weder der Steuerzahler noch die Bauern selbst.

Was ist denn eigentlich das Problem?

Kurz zusammengefasst ist es momentan so: Es wird unheimlich viel Geld ausbezahlt, das an unheimlich viele Bedingungen geknüpft ist, deshalb unheimlich viel Papierkram generiert und wiederum unheimlich viele Leute beschäftigt, die zunehmend den Überblick verlieren.

Im Kern schälen sich zwei Hauptprobleme heraus. Die ausufernde Bürokratie und die unerwünschten Folgen der Zahlungen, wie sie heute getätigt werden.

Ausufernde Bürokratie

Die ausufernde Bürokratie sei für familiengeführte Betriebe zunehmend überfordernd und in Bezug auf die Arbeit mit der Natur oft nicht praktikabel, sagt Martin Jucker. Hunderte von Seiten Vorschriften gibt es zu befolgen. Hier im ohnehin schon vollen Berufsalltag den Überblick zu behalten ist schwierig und in der Praxis lähmend eng. Zu starr sind die Strukturen, um der Dynamik der Natur gerecht zu werden: «Eine naturnahe Produktion bewegt sich immer mit der Natur zusammen. Eine konsequente Regulierung funktioniert nur in einem kontrollierten Umfeld. Das ist aber bei der Natur nicht der Fall», so Martin Jucker.

Als Beispiel nennt Jucker die Förderung der Biodiversitätsflächen: «Plakativ ausgedrückt sind nur abmessbare, viereckige Flächen beitragsberechtigt. Flexiblere Formen des Anbaus (z.B. Ausbringung des Saatguts unter Rebstöcken – genau dort wo es gebraucht würde) – sind nicht vorgesehen», erklärt Martin Jucker. Dabei wäre dies eine absolut wünschenswerte Form der Produktion. Da die Fläche aber nicht genau abmessbar ist, gibt es dafür keine Beiträge. Hier läuft man längerfristig in eine Sackgasse.

Im Bestreben, die Regeln immer besser zu machen, werden immer mehr Regeln geschaffen, die oft neue Probleme schaffen, statt welche zu lösen.

«Wie eine Armee, welche ein untergegangenes Land verteidigt. Siege sind zwar möglich, aber die totale Niederlage ist unausweichlich.»

Martin Jucker zur Strategie der aktuellen Agrarpolitik

Unerwünschte Folgen

Problem Nummer zwei sind die unerwünschten Folgen. Die «Versorgungssicherheitsbeiträge» sind an die bewirtschafteten Flächen gebunden. Das heisst: Wer mehr hat, kriegt mehr. Das führt nicht selten dazu, dass grosse Bauernbetriebe mehr Geld kriegen, als sie eigentlich bräuchten und kleine Bauernbetriebe weiterhin am Limit arbeiten. Das ist das Gegenteil von dem, was die Politik eigentlich erreichen möchte.

Zudem kann – so wie das System jetzt ist – kein Strukturwandel stattfinden. Die Wettbewerbsfähigkeit der Branche sei eingeschränkt, sagt Walter Pfister, Mitgründer der Jucker Farm AG: «Die Produktion hat sich über die Jahre komplett abhängig gemacht und der «normale» Landwirtschaftsbetrieb erzielt heute über 50 % seiner Einnahmen mit Direktzahlungen. Dafür haben sie null Spielraum mehr. Viel zu viel Geld wird zweckentfremdet und findet den Weg nicht zur Produktion».

Noch ein Nebeneffekt: Faktisch würden gar nicht die Bauern profitieren, sondern die Lebensmittelindustrie: «Die Folge davon ist, dass die Nahrungsmittelindustrie die günstigen Rohstoffe kauft und dann mit guter Marge veredelt und die seit der Nachkriegszeit stark gestiegene Kaufkraft abschöpft», sagt Martin Jucker. Geld, das nicht beim Bauern landet.

«Politische Massnahmen sind immer nur eine Annäherung an die Realität. Sie decken sich nie mit allen Begebenheiten vor Ort. Und deshalb machen sie alle so hässig.»

Ein verkorkstes Gebilde – aber was als Alternative?

Das bekannte Problem an politischen Massnahmen: Sie gelten für eine Vielzahl von individuellen Betrieben und werden den wenigsten gerecht. Sie sind immer nur eine Annäherung an die Realität und decken sich nie mit allen Begebenheiten vor Ort auf den einzelnen Betrieben. Das können sie auch gar nicht. Und deshalb machen sie alle so hässig. Das ist nicht nur im Agrarbereich so. Aber hier hat man es besonders auf die Spitze getrieben. Weniger wäre mehr.

Schön wäre natürlich, es ginge auch ohne. Und doch sieht die Gesellschaft eine gewisse Notwendigkeit darin, Einfluss zu nehmen. Man hat sich irgendwann dafür entschieden, die Produktion im Inland zu fördern. Nur: Was nun dabei herausgekommen ist, ist ein verkorkstes Gebilde: Viel zu viele und zu genaue Vorschriften, die keinerlei Bewegungsspielraum lassen. Genau diesen bräuchten die Bauern, um als Unternehmer in Eigenverantwortung agieren zu können.

Ja, und jetzt?

«Dank der Direktzahlungen wurde bei uns nicht komplett übertrieben mit der Intensivierung der Produktion.»

Walter Pfister zu den positiven Seiten der Direktzahlungen

Direktzahlungen abschaffen?

Soll man also die Direktzahlungen komplett abschaffen? Das Gegenstück zum Status quo wäre eine radikale Liberalisierung: Keinerlei Vorgaben in welcher Form auch immer. Die Konsequenz wäre ein Ausverkauf der Schweizer Landwirtschaft. Sämtliche Flächen gingen an europäische Lebensmittelmultis über, die darauf machen, was sie wollen: Also gross anbauen, in Monokulturen. Die lokale Wertschöpfung ginge verloren, die Bevölkerung hätte nichts mehr dazu zu sagen, was punkto Nahrungsmittelproduktion vor ihrer Nase geschieht. Und die Natur zöge sowieso den Kürzeren. Das will wahrscheinlich keiner.

Und siehe da: Auf die Frage, ob man Direktzahlungen komplett abschaffen sollte, erhalte ich von unseren Produktionschefs ein klares «Nein». Direktzahlungen hätten auch gute Seiten, meinen sie. Über die Direktzahlungen erhalte der Bauer schlussendlich mehr Geld für sein Produkt. Und das kommt wiederum den Tieren und der Natur zugute.

Ganz ohne geht nicht

Eine gewisse Belohnung nachhaltiger Produktionsarten (Tierwohlprogramme, Ressourceneffizienz etc.) seien grundsätzlich durchaus wünschenswert. «Dank der Direktzahlungen wurde bei uns nicht komplett übertrieben mit der Intensivierung der Produktion, wie z.B. in Amerika», meint Walter Pfister. Diese Art von Zahlungen seien in der Regel vom Steuerzahler auch gut akzeptiert. Es sei die pauschale Vergütung von Flächen, über die man reden müsse.

Ebenfalls als wichtig erachten sie es, den Anbau und das dazugehörige Know-How in der Schweiz zu halten. Das sei so etwas wie eine Versicherung, meint Stefan Bächli: «Falls wir, da zu teuer, vieles aus dem Ausland importieren und es kurzfristig zu Verknappungen kommt, hat man fast keine Chance in kurzer Zeit das ganze verlorene Wissen über die Landwirtschaft wieder aufzubauen».

Zudem verfügt die Schweiz über eine Besonderheit: Unser Land ist sehr klein und besteht zudem noch zu einem grossen Teil aus Land, das nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen landwirtschaftlich nutzbar ist. «Ohne Direktzahlungen wäre das Berggebiet heute nicht mehr nutzbar», sagt Walter Pfister. Vielleicht funktioniert die Landwirtschaft in der Schweiz nicht komplett ohne Direktzahlungen. Aber wie denn dann?

«Manchmal ist es einfacher, alles abzureissen und komplett neu aufzubauen.»

Einmal auf RESET

Was macht man mit einem Gebäude, das seinen Zweck nicht mehr erfüllt? Manchmal ist es einfacher, alles abzureissen und komplett neu aufzubauen. In diese Richtung geht auch Jürg Vollmers Kommentar zur Agrarpolitik 22+ in der Agrarzeitschrift «die grüne» (AP22+ gehört auf den Misthaufen, 26. Januar 2021).

Aber was kommt danach? Welches System wäre denn besser? Darüber, dass es nicht ganz ohne staatliche Zahlungen geht, scheint man sich einig zu sein. So wie es aussieht, möchte man die Förderung von nachhaltigen Produktionsweisen und der Biodiversität beibehalten. Generell müsste hier aber mehr Flexibilität herrschen.

Grundsätzlich wäre es auch sinnvoll, den Produzenten besser klarzumachen, warum gewisse Anbautechniken sinnvoll wären, anstatt bloss finanzielle Anreize dafür zu setzen. Stefan Bächli illustriert es am Beispiel der Hochstammbäume: «In den 80ern bekam man Geld, um Hochstammbäume auszureissen. Heute bekommt man Beiträge, um neue zu pflanzen. Würde man den Nutzen von Hochstammbäumen aufzeigen, würden viele Bauern aus eigenem Antrieb Bäume pflanzen und sie auch pflegen. Hat man den Baum nur wegen Direktzahlungen gepflanzt ist der Wert nicht so hoch, denke ich.» Also besser informieren, den Bauern dann aber selber entscheiden lassen.

Freiheit statt Geld

Definitiv Abstand nehmen sollte man von einer pauschalen Geldverteilung nach Fläche. «Jegliche Bindung an Fläche oder Tierzahl gibt Fehlanreize. Je mehr ich habe und bewirtschafte, desto mehr wird geschüttet», sagt Walter Pfister. Wenn also, dann sollten es «nur Zahlungen in Verbindung mit einem klaren Leistungsauftrag sein (…) nicht durch höhere Flächenzahlungen wie es z.B. in der Bioproduktion der Fall ist.»

Im Gegenzug bräuchte es wieder mehr unternehmerische Freiheiten: «Bauern müssten einfach das Heft nach dem Feld in die Hand nehmen. Ihre Produkte selber verarbeiten und verkaufen. (…) In der Praxis ist das aktuell aber für einen Bauern kaum möglich, denn – salopp gesagt – ist ihm alles, was nicht im Feld oder Stall stattfindet, verboten. (…) Der Bauer ist meist ein selbständiger Unternehmer und rechtlich gesehen eine Einzelfirma. Er darf aber in der Landwirtschaftszone keine Aktivitäten betreiben, die industriellen oder gewerblichen Charakter haben», sagt Martin Jucker. Den Bauern mehr Freiheiten zu geben würde es ihnen vereinfachen, ihre Produkte besser selber zu vermarkten und ihre Betriebe breiter aufzustellen. Auch das wäre einer stabilen Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zuträglich.

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Dies sind nur einige Gedanken dazu, wie man dem Problem begegnen könnte. Es ist ein grosses und komplexes Thema, das wohl nicht nur eine richtige Antwort kennt…

In Teil 3 geht es dann um die Frage, ob Jucker Farm auch Direktzahlungen kriegt und wenn ja warum und welche…

Wie steht ihr zu dem Thema? Schreibt doch was in die Kommentare unten! Die Diskussion ist eröffnet 😉 

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Direktzahlungen in der Kritik – Teil 2”
    Heinrich ( Heini )

    Der Verdienst der Bauern sollte eher über Produkte / Arbeit geschehen, als vom Staat kommen, aber wie? Eigentlich werden Konsumenten subventioniert.... Wenn das nicht mehr passieren würde, kauft man noch mehr ennet der Grenze.

    Antworten
    Valérie Sauter

    Teil der Lösung ist sicher, den Leuten den Wert ihres Essens wieder besser bewusst zu machen und aufzuzeigen, was Kaufentscheidungen für Konsequenzen haben können. Das ist unser Ansatz. Aber es ist nicht das Patentrezept. Information ist nur ein Zahnrad.

    Antworten

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