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Landwirtschaftskonflikt – Ein Vermittlungsversuch

Der Konflikt zwischen Konsumenten und Bauern scheint zu eskalieren. Auf der einen Seite brüllt es: «Ihr seid nur hinterwäldlerische Chnuschtis, denen die Tiere und die Natur egal sind», auf der anderen Seite: «Macht es doch besser, ihr scheinheiligen grünen Bürogummis!» In zwei offenen fiktiven Briefen konnten sich beide Parteien ihren Frust von der Seele schreiben:

Tatsächlich ist die Situation im Moment sehr verfahren. Der Druck auf die landwirtschaftliche Produktion ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, denn wir befinden uns mitten in einem Strukturwandel.

Doch wie kam es überhaupt soweit?

Nach dem zweiten Weltkrieg galt es, auf kleinster Fläche möglichst viele Menschen zu ernähren. Die Leute hungerten. Es gab schlicht zu wenig Essen. Also holte man alles aus dem Boden heraus, was er hergab. Logisch, dass Nachhaltigkeit damals sekundär war. Die Leute waren am Verhungern und dies galt es zu verhindern. Punkt.

Das ist heute - innerhalb der westlichen Welt - nicht mehr so. Wir haben florierende Zeiten hinter uns. Die Produktion von Lebensmitteln wurde immer effizienter. Es wurde optimiert und intensiviert.

Doch nun treten langsam die Schattenseiten dieser Effizenz zutage. Es gibt ein Überangebot. Lebensmittelknappheit ist für den mitteleuropäischen Konsumenten ein Fremdwort. Denn ein Ernteausfall wird einfach durch Import kompensiert - irgendwo auf der Welt gibt es immer genug. Wir sind längst eingebunden in ein weltweites Netz von Handelsbeziehungen.

Alles aus dem Boden herausgeholt

Die Schattenseite davon: Die Preise für Lebensmittel fallen in den Keller, der Druck auf die Produzenten steigt ins Unermessliche. Wir kommen in die absurde Situation, dass sich die Produktion mancher Lebensmittel nicht mehr lohnt. Den Preis bestimmen Grossverteiler und da es ein Überangebot gibt, drücken sie ihn, wo es nur geht. Das müssen sie auch, denn sie funktionieren nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung.

Jahrelang hat man nach diesem System gewirtschaftet, weil man davon ausging, dass es richtig ist. Oberstes Ziel war es, möglichst effizient zu produzieren.

Zweifel kommen auf

Nun, da in unseren Breitengraden niemand mehr hungern muss, können wir es uns leisten, Gedanken darüber zu machen, WIE produziert wird. Plötzlich erfahren wir von absurden Situationen: Rüebli, die bloss optische Makel haben und tonnenweise auf den Äckern landen (siehe 20 Minuten) - weil sie der Bauer nicht losgeworden ist. Oder Massensterben bei Bienen, weil ein Fehler beim Import von Pflanzenschutzmitteln passiert ist. Oder man liest, dass chemische Stoffe im Wasser schädliche Abbauprodukte hinterlassen. Und wir fragen uns: Ja ist denn das alles nötig?

Und es ist richtig, dass wir uns das fragen. Denn wir sehen unsere Ressourcen längerfristig in Gefahr. Es ist nichts als vernünftig, sich darum zu sorgen.

Landwirtschaft als Sündenbock

Die produzierende Bevölkerung aka die Bauern fühlen sich persönlich angegriffen, weil sie doch immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Nun wird jedoch in Frage gestellt, ob das genug war.

Die Gesellschaft befindet sich in einem Prozess. Wir realisieren, dass wir mit der schieren Menge an Menschen, die auf diesem Planeten leben, an Grenzen stossen. Die Ernährung ist bei uns - noch - sichergestellt. Doch dies geschieht momentan auf Kosten des längerfristigen Erhalts der Ressourcen. Eine Reaktion auf diese Realisation ist der Erlass von immer neuen Gesetzen, die das Ziel haben, die Ressourcen zu schützen. Was oft mit zusätzlicher Arbeitsbelastung auf Produzentenseite verbunden ist.

«Das Problem ist, dass das, was in den Köpfen der Konsumenten geschieht, noch nicht im Verhalten angekommen ist.»

Aufgerieben im Zwiespalt

Die Produzenten befinden sich in einen unmöglichen Zwiespalt. Man will qualitativ immer bessere Produkte für einen immer tieferen Preis. In diesem Spannungsfeld werden die Bauern momentan aufgerieben. Kein Wunder, dass sie sich beschweren. Der Druck ist enorm.

Das Problem ist, dass das, was in den Köpfen der Konsumenten geschieht, noch nicht im Verhalten angekommen ist. Salopp gesagt: Es ist wie jemand, der weiter raucht, obwohl er weiss, dass es nicht gut für ihn ist. Weil das Umgewöhnen schwierig ist.

Wir wissen zwar, dass es für die Umwelt besser wäre, nachhaltiger zu wirtschaften (und zu konsumieren!). Aber wir handeln (noch) nicht in dem Sinne, indem wir ein nachhaltigeres System unterstützen würden. Es wurde uns anders antrainiert. Und das zu ändern ist anstrengend und schwierig.

Und was nun?

Wir sind gefangen in einem alten System und haben noch kein neues. Doch wie brechen wir daraus aus? Ist die Lösung der Erlass immer neuer Gesetze? Oder liegt sie in den neuen Technologien des Smart Farming? Klappt es, wenn alle Konsumenten ihr Verhalten ändern? Können sie das überhaupt? Welche Verantwortung obliegt dem Grosshandel? Oder liegt die Lösung darin, dass alle Bauern ihre Produkte wieder selber vermarkten?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Schlussendlich liegt die Verantwortung auch nicht bei einem einzelnen Akteur, sondern bei ALLEN. Und; so ein Wandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen.

Sicher ist: Sich gegenseitig anzuschreien und zu beschuldigen hilft der Situation nicht weiter. Es wäre schon mal ein Anfang, wenn sich jede und jeder verantwortlich fühlt und in ihrem oder seinem Wirkungsgebiet entsprechend handelt…

 

Was denkt ihr darüber? Schreibt es uns in die Kommentare oder auf Social Media. 

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
6 Kommentare zu “Landwirtschaftskonflikt – Ein Vermittlungsversuch”
    Nadia

    Ich find es sehr schade das die Situatin so am "explodieren " ist, denn es ist nicht wichtig wie das Gemüse oder die Früchte aussehen, sonder das sie nachhaltig produziert werden können. Mann kann sich doch soviel leisten heutzutage, jedes jahr urlaub, autos und teure wohnungen, und keiner würde gratis arbeiten, ich ja auch nicht, aber von den Bauern, die sich mühe geben, wird es verlangt, für die arbeit die sie leisten und die Arbeit ist sehr hart,dafür das alles danach 100% Bio ist, nicht jeder würde dies machen können. Ich finde wen wir schon Bio wollen sollte man auch bereit sein dafür zu zahlen, ganz einfach.

    Antworten
    Nadine Gloor

    Danke vielmals für deinen Kommentar zu diesem Thema.

    Antworten
    Andrea

    Hey ich find den Artikel echt mega gelungen. Ich bin Bäuerin und versuche zusammen mit meinem Mann den Betrieb aufrecht zu erhalten, umzugestalten, neue Wege zu finden und gehen. Wir sind nunmal im Wandel, die Bauern wie auch die Konsumenten sind gefragt. Kommunikation und Aufklärung ist unheimlich wichtig und es gibt immer mehr neue Kanäle um die Leute zu erreichen. Überlassen wir es nicht immer den anderen zu sprechen, kommen wir selber in Aktion! Wir haben immer wieder tolle Gespräche, laden die Leute auf den Hof ein, zeigen was wir machen. Wir stossen immer auf so viel Verständnis! Viele kommen auch gerne mithelfen, gratis, der Freude willen...
    Es gibt andere Wege!
    Hören wir gegenseitig auf zu Jammern und helfen uns! Der Artikel legt so vieles offen, die Luft ist raus, Zeit für Lösungen! Danke!

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Andrea, ich danke DIR! Es ist schön zu hören, dass es anderen Bauern gleich geht. Genau so war der Artikel gemeint <3

    Antworten
    michael bucher

    ich finde diesen Artikel sehr gelungen. er ist verständlich und sorgfältig und: er bringt einen zum nachdenken.
    über die bauern, deren harte und wichtige Arbeit es zu schätzen gilt und vor allem über das EIGENE verhalten.
    am Schluss reduziert sich wohl sehr viel auf den unterschied:
    WAS WILL ICH, WAS BRAUCHE ICH?
    ich habe viel im kopf und versuche einiges umzusetzen.
    diese Artikel ermutigen mich dazu. danke!

    Antworten
    Valérie Sauter

    Danke! Genau: Vor der eigenen Haustüre kehren und über den Tellerrand hinausblicken, das sollte die Devise sein. Danke für deinen Kommentar!

    Antworten

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