Hoftötung Fressfangeinrichtung
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Schlachtung zu Hause

Ob man Fleisch essen möchte oder nicht, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Doch wer sich dafür entscheidet, nimmt zwangsläufig in Kauf, dass diese Tiere getötet werden müssen. Und das kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen.

Dieser Artikel hat nicht zum Ziel zu diskutieren, ob Fleischkonsum sinnvoll oder ethisch ist. Er geht davon aus, dass es Leute gibt, die Fleisch essen möchten. Doch über die Art, wie Tiere getötet werden, kann man durchaus diskutieren.

(Anmerkung zum Titel am Ende des Texts)

Die Norm

Normalerweise werden die Tiere – sobald sie schlachtreif sind – einzeln oder in der Gruppe in einen Anhänger verladen und zum Schlachthof gebracht. Im Gross-Schlachthof treffen sie auch auf andere Tiere, die sie noch nicht kennen und werden durch Gänge aus Metallgitter zum Ort des Geschehens manövriert. Da sie diese Situation nicht kennen, sind die Tiere einem erhöhten Stress ausgesetzt. Das zeigten Messungen einer 2017 durchgeführten Studie des FIBL (2020: Hof-Weidetötung.pdf).

Den meisten Fleischkonsumenten liegt das Tierwohl sehr wohl am Herzen. Es besteht ein Konsens darüber, dass es dem Tier – solange es lebt – gut gehen soll. Insbesondere auch bei und kurz vor der Schlachtung. Und diese ginge auch sanfter, in einem gewohnten Umfeld, ohne dass das Tier dem Stress des Transports und des ungewohnten Umfelds ausgesetzt ist. Allerdings ist der Aufwand dann höher und es können natürlich nicht in der gleichen Kadenz Tiere getötet werden.

Methoden der Hoftötung

Bei der Tötung des Tieres auf dem Hof, der so genannten «Hoftötung» gibt es zwei Möglichkeiten: Tötung durch Bolzenschuss oder Tötung durch Gewehrschuss. Letztere Methode praktiziert der Zürcher Nils Müller auf seinem Hof «zur Chalte Hose» auf der Forch. Er gilt in dem Bereich als Pionier und hat 2014 eine Sondergenehmigung für Weidetötung erhalten. Bei seiner Methode wird das Tier in einer speziellen Koppel in seiner gewohnten Gruppe von einem Hochsitz aus erlegt. Wie das genau funktioniert, könnt ihr hier lesen. Seit dem 1. Juli 2020 ist die Hof- und Weidetötung gesetzlich erlaubt.

Die andere Variante, die Tötung des Tieres durch Bolzenschuss erfolgt durch Betäubung mit Bolzenschuss in einem Fressfanggitter des Betriebs oder einer so genannten «mobilen Schlachteinheit» (MSE). Das sieht dann ungefähr so aus:

Danach wird das betäubte Tier mit der mobilen Fressfangeinrichtung in den Anhänger gezogen, hochgelagert und mittels Bruststich getötet und ausgeblutet. Die weitere Verarbeitung erfolgt in einem Schlachthof, welcher in kurzer Zeit erreicht werden muss. Die Zeitvorgabe für das ganze Verfahren liegt bei insgesamt 45 Minuten.

Auch wenn diese Art der Tötung mittlerweile gesetzlich erlaubt ist, braucht es dafür immer noch eine Bewilligung und das Verfahren ist relativ streng: Fünf begleitete Hoftötungen braucht es, unter der strengen Aufsicht des kantonalen Veterinäramts, um die Bewilligung zu erhalten.

Lieber so als anders

Sabrina und Sandro Gisiger sind vor einem Jahr von Oetwil am See nach Luthern (LU) gezogen. Auf ihrem neuen Betrieb  halten sie 8 Grauvieh-Tiere in Mutterkuhhaltung zur Fleischproduktion. Von Beginn an praktizierten sie die Hoftötung oder «Schlachtung mit Achtung» (SMA). Die Gisigers waren die ersten, die im Kanton Luzern eine solche Bewilligung erhalten haben. Sabrina Gisiger hat mir für diesen Artikel einige brennende Fragen beantwortet:

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  • Warum habt ihr euch für Hoftötung entschieden?

    Hoftötung und Tierwohl im gleichen Satz scheint etwas absurd. Als Fleischproduzenten und auch -Konsumenten ist es für uns aber etwas Vollkommenes. Wenn ich SMA-Fleisch konsumiere, dann weiss ich, dass es dem Tier von Anfang bis am Schluss gut gegangen ist.

  • Wie viele Tiere werden pro solchen Einsatz getötet?

    Aufgrund der Zeitvorgabe von 45 Minuten von der Betäubung bis zum Schlachthof nur ein Tier auf einmal. Es kann aber sein, dass es nacheinander zwei Hoftötungen an einem Tag gibt. Für uns ist das aber das Maximum. Es soll einfach innerhalb des «normalen» Fütterung-Ablaufs geschehen.

  • Wie reagieren die anderen anwesenden Tiere, wenn ein Tier tot zu Boden fällt oder gar ausgeblutet wird?

    Die mobile Fressfangeinrichtung steht leicht separiert und nicht im Blickwinkel der normalen Fressgitter. Das Tier wird bereits vor dem Tag der Schlachtung an das Fressen in dieser separaten Fressfangeinrichtung gewöhnt, so dass es an jenem Tag ohne Stress an seinen separaten Platz läuft. Da die Tiere uns gegenüber sehr zutraulich und neugierig sind, können wir sie in der Regel innerhalb von zwei Fütterungen daran gewöhnen. Wir haben beobachtet, dass sie an diesem separaten Fressplatz auch sehr gerne und in aller Ruhe fressen, wo der Futterneid um ein Hälmli Heu nebeneinander doch schon mal gross sein kann 🙂

    Ruhe und Gewohnheit ist somit das Massgebende. Gestresste Tiere und Menschen scheiden Botenstoffe aus, welches für die Herde signalisiert, dass Gefahr herrscht. Waren ihre Artgenossen bei der Tötung gestresst, riechen das die anderen Tiere im auslaufenden Blut und werden nervös.

    Die Bluttropfen unserer Rinder, welche vor dem Tod keinem Stress ausgesetzt sind, beeindruckt die anderen Tiere jedoch nicht. Sie riechen daraus keine Gefahrensignale. Ausserdem findet die Ausblutung im geschlossenen Anhänger statt.

  • Wie viel teurer wird euer Fleisch durch die Schlachtung auf diese Weise?

    Wir liegen mit unserem SMA-Fleisch im Preissegment von anderen bekannten Labels, welche für Tierwohl und Ökologie einstehen. Wir würden bei uns nicht von Zusatzkosten sprechen, sondern eher um Abstriche - zum Wohle der Tiere - gegenüber den Tiefpreisprodukten.

    Konkret kostet die Hoftötung auf ein Kilogramm Fleisch bei uns CHF 2.20. Darin enthalten ist die Investition in die mobile Fressfangeinrichtung und das Verfahren der Hoftötung. Auf den durchschnittlichen Fleischkonsum pro Person gerechnet wären dies rund CHF 110.00 pro Jahr oder andersherum; pro Person 3.4 kg weniger Fleischkonsum pro Jahr.

  • Was für Rückmeldungen kriegt ihr zu dieser Art der Tötung?

    Da wir quasi Quereinsteiger sind in der Landwirtschaft, gibt es auch viele aus unserem Umfeld, die vorher keine Berührungen hatten zur Landwirtschaft. Wenn Kunden und Bekannte bei uns auf dem Hof einkaufen kommen, dann möchten sie meistens auch die herzigen Kälbli und die Kühe sehen. Danach das Fleischprodukt in den Händen zu halten, löst selbst beim grössten Fleischliebhaber ein paar Gedanken aus. So soll es auch sein. Denn alles was wir bewusst tun, tun wir richtig.

    Wir behaupten nicht, dass dies die einzig richtige Methode ist. Sie stimmt einfach für uns am besten. Wir haben grossen Respekt den Landwirten gegenüber, die ihr ganzes Leben lang schon mit Herzblut Landwirtschaft betreiben und finden es toll, wenn sich der eine oder andere für die Hoftötung interessiert. Wie viele Landwirte später ebenfalls auf diese Methode umstellen, werden wir sehen.

  • Wie geht ihr mit dem Gedanken um, das Tier, das man vielleicht lieb gewonnen hat, nun sterben muss und gar nicht weiss, was es erwartet?

    Das ist eine sehr wichtige Frage – umso schwerer ist sie zu beantworten. Auch ich habe mir diese Frage gestellt. Denn ich bin selber Quereinsteigerin in der Landwirtschaft und bin nicht einfach damit aufgewachsen, dass die Tiere irgendwann getötet werden.

    Die Kälber wachsen einem während der mindestens 10-monatigen Aufzucht sehr ans Herz. Sie erhalten auch alle einen Namen. Und es ist nicht so, dass wir uns auf den Tag der Hoftötung freuen. Wir haben deshalb auch je unsere eigenen Rituale. Sandro z.B. bedankt sich beim Tier dafür, dass wir es «nutzen» können. Ich selber esse nach den Hoftötungen über eine Woche kein Fleisch.

    Am schlimmsten ist es für mich persönlich, an jenem Tag das normale Fressgitter zu öffnen. In dem Moment, in dem das Tier mit Freude an seinen separaten Fressplatz läuft, «hadere» ich schon mit meinen Gedanken. Weil ich in dem Moment das Gefühl habe, dass ich das Vertrauen des Tiers missbrauche. Sobald es aber in der separaten Fressfangeinrichtung steht, weiss ich auch, dass es gut ist. Dann ist die Situation absolut stimmig. Es geht hier nicht mehr um die Frage, ob wir es vertreten können ein Tier zu töten, sondern wie wir es töten.

    Ich konnte erstaunlich gut damit umgehen. Vielleicht einfach im Bewusstsein, dass es dem Tier von Anfang bis zum Schluss gut gegangen ist. Wir beide machen uns allgemein Gedanken über unseren Konsum. Und wenn man sich entschliesst, Fleisch zu essen, steht das in direktem Zusammenhang mit der Tötung des Tieres. Ich habe selber schon immer Fleisch konsumiert und beim Betrachten von diesem Ablauf kann ich sehr gut dahinterstehen. Für uns beide würde es aber nicht mehr stimmen dies als Grossbetrieb zu machen, es klingt etwas komisch, aber dann wäre das Tier wieder eine Produktionsanlage.

    Bei kleineren Schlachtbetrieben läuft die Tötung sicher auch gut und stressfrei ab. Bei dem Schlachtbetrieb, mit dem wir zusammen arbeiten für die Verarbeitung nach der Hoftötung werden die Tiere einzeln zur Schlachtung angeliefert. Wir möchten diese Schlachtbetriebe nicht in ein schlechtes Licht rücken.

    Grosse Schlachtbetriebe, in welchen die Tiere durch Gänge getrieben werden, finden wir persönlich nicht gut und da könnten wir unsere Tiere nie abliefern. Für uns wichtig, dass wir mit Personen zusammenarbeiten können, welche die gleiche Achtung zu Tieren halten, so wie wir.

Mobile Schlachteinheit Hoftötung
In dieser mobilen Schlachteinheit wird das betäubte Tier getötet, ausgeblutet und in den Schlachthof transportiert.

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Die ganze Schweiz durch Hoftötung versorgen?

Den gesamten Fleischkonsum der Schweiz über Hoftötung zu bewältigen wäre «schlicht illusorisch», sagt Mischa Hofer von Hofschlachtung.ch, der bei den Gisigers die Hoftötungen durchführt. 2018 wurden in der Schweiz 466'000 Kälber und Rinder geschlachtet (Quelle blw.ch). Das entspricht 1276 Tieren pro Tag. Wenn man davon ausgeht, dass wie bei den Gisigers max. 2 Tiere pro Tag geschlachtet werden, entspräche das 638 Schlachtbetrieben. Aktuell gibt es in der Schweiz 67 Schlachtbetriebe (Quelle blv.ch), darin inbegriffen sind Betriebe, die auch noch Schafe und Schweine schlachten.

«In einem grossen Schlachtbetrieb beträgt die Kadenz ungefähr 1 Tier pro Minute», sagt Hofer. Er schafft mit seinem Konzept maximal 6 Tiere pro Tag. Doch es könne auch gar nicht das Ziel sein. Sobald diese Form der Tiertötung hochskaliert würde, käme der immergleiche Preiskampf in Gang, der alles wieder kaputt machen würde. Obwohl es für das Tierwohl an sich wünschenswert wäre: Eine komplette Umlagerung auf Hoftötung wird es wohl nie geben.

Geschichte der Schlachtung

Einen spannenden Exkurs möchte ich hier zum Schluss noch anfügen. Wenn man einen Blick in die Geschichte der Schlachtung wirft, wird klar, dass wir heute ein sehr distanziertes Verhältnis zur Schlachtung haben. Während früher die Schlachtung zum Alltag der Menschen gehörte, hat sie sich in den letzten 200 Jahren laufend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und wurde so tabuisiert. Auch die Entwicklung zur Massenschlachtung spielt hierbei eine Rolle.

Im Merkblatt des FIBL (Seite 5) liest man über die Schlachtung: «Lange gehörte das Halten und Schlachten von Tieren zum Alltag der Menschen. Dies begann sich in Europa zu ändern, als Napoleon I. am Anfang des 19. Jahrhunderts in Paris den Bau von staatlichen Zentralschlachthöfen anordnete. Diese wurden zum Vorbild für die benachbarten Länder», und weiter: «ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Schlachthäuser aus den Städten verbannt, weil sich die wohlhabende Bevölkerung an den unangenehmen Gerüchen ekelte.»

Vielleicht ist es an der Zeit, die Schlachtung wieder sichtbar zu machen und die Tabuisierung zu brechen. Denn nur so kann der Fleischkonsument seinen Kaufentscheid verantwortungsvoll treffen.

 

*Eine Anmerkung zum Titel: Im Titel wird das Wort «Schlachtung» verwendet. Das ist fachlich nicht ganz korrekt. Denn bei der Hoftötung findet eigentlich nur der Tötungsvorgang auf dem Hof statt. Die Schlachtung im Sinne der weiteren Verarbeitung findet im Schlachtbetrieb statt. Zwischen der Tötung auf dem Hof und der Ankunft im Schlachtbetrieb dürfen maximal 45 Minuten vergehen.

Wir haben uns zu Gunsten der besseren Verständlichkeit für Laien für die Verwendung dieses Begriffes entschieden, auch wenn er inhaltlich ungenau ist.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

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