Zu Jucker Farm
Grünspargel
von Valérie

Ist unser Spargel «vegan»?

Blöde Frage: Natürlich! Ist doch ein Gemüse! Warum sollen Spargeln nicht vegan sein?

Ja, warum eigentlich nicht?

Jetzt müssen wir etwas ausholen: Bekanntlich ist es uns ein Anliegen, so naturnah wie möglich zu produzieren. Deshalb sind wir gerade dabei, unsere Produktion auf die regenerative Landwirtschaft auszurichten.

Teil davon ist auch, mit möglichst wenigen synthetischen Pflanzenschutzmitteln zu arbeiten und möglichst auf eine intensive Bodenbearbeitung zu verzichten (regenerativer Spargel). Und hier wird’s eben kritisch .

Denn: Insbesondere mit Disteln haben wir im Spargeldamm vermehrt Probleme. Das wirksamste Mittel, um deren Ausbreitung zu verhindern wäre die intensive und regelmässige Bodenbearbeitung (siehe Merkblatt).

Da wir das aber nicht machen können – die Spargeln bleiben als mehrjährige Kultur im Boden - müssen wir andere Wege finden, um Disteln wirksam zu bekämpfen. Als nächste Massnahme wird in der Regel das synthetische Herbizid Glyphosat vorgeschlagen. Doch das ist für uns definitiv keine Option. Also musste etwas anderes her, und da sind wir auf die Kuhmilch gestossen.

Zaubermittel Kuhmilch

Sven Studer, landwirtschaftlicher Berater der Jucker Farm AG – erzählt: «Im Zuge der Beschäftigung mit der regenerativen Landwirtschaft bin ich schon vor längerer Zeit auf die Empfehlung von Dietmar Näser gestossen, Milch zu versprühen. Pionierunkräuter wie Disteln, Winden, aber auch Schachtelhalm mögen den in der Milch enthaltenen organischen Phosphor nicht. Sie sterben zwar nicht ab, wachsen aber auch nicht mehr.»

Milch hilft nicht nur gegen Disteln, sondern auch gegen Mehltau und allerlei andere Schädlinge (ndr.de).

Seit 4 Jahren greifen wir bereits auf Kuhmilch zurück. Wobei es wichtig ist, früh genug einzugreifen: «Die Wirkung ist nicht immer gleich gut. Je früher man behandelt, desto besser», erklärt Studer.

Meist kommen die Disteln auf kleinen Flächen verteilt im ganzen Feld vor. Dann spritzen wir mit der Rückenspritze gezielt dort, wo es nötig ist.

Aber: Vegan ist das nicht!

Milch auf dem Acker?! Streng genommen sind unsere Spargeln damit wohl nicht vegan. Genauso wie Käse streng genommen nicht vegetarisch ist, da zu dessen Herstellung Lab aus dem Kälbermagen verwendet wird. Oder Wein, der teilweise mit tierischen Hilfsstoffen geklärt wird und ebenfalls nicht vegetarisch oder vegan ist.

Natürlich befindet sich keine Restmilch mehr auf den Spargeln. Doch sie wird im Anbau verwendet. Was vielen auch nicht bewusst ist: Auch im Obstbau ist es leider manchmal nötig, Wühlmäuse zu beseitigen, da sie sich sonst stark vermehren und die ganze Anlage zerstören können. Sind Äpfel also trotzdem vegan?

 

Unsere Spargeln geraden durch die Disteln arg in Bedrängnis...

So kann ein Damm schon mal aussehen - wo sind da die Spargeln???

Da gibt's nur eins: Alle einzeln von Hand ausreissen. Doch Prävention wäre besser. Ganz schön herausfordernd, wenn man nicht einfach alles totspritzen will.

Milch ist Gift für’s Abwasser

Kommt dazu: Milch ist Gift fürs Abwasser. Denn die Milch auf dem Feld gelangt direkt in die Umwelt und nicht - wie unsere Cappuccino-Reste - ins Abwasser.

Ganz und gar verboten ist es milchverarbeitenden Betrieben, Spülwasser mit Milchrückständen oder gar überschüssige Milch einfach in die Kanalisation kippen: «Milch, Schotte und Käsereiabfälle sollen so wenig wie möglich in die Kanalisation gelangen, da sie die ARA überdurchschnittlich belasten. (…) Käsereiabfälle und Vorspülwasser sind in einem separaten Behälter zu sammeln. Sie können im eigenen Mastbetrieb oder extern für Futterzwecke verwendet werden.» (PDF Amt für Umwelt Thurgau).

Doch auch in Kläranlagen können grössere Mengen von Milch zum Problem werden. Milch hat eine sauerstoffzehrende Wirkung. So sollen Bakterienkulturen in den Kläranlagen schädigen (merkur.de). Doch wie ist das bei uns? Die bei uns zur Unkrautbekämpfung verwendeten Mengen sind wohl vernachlässigbar. «Pro Hektare werden 20 Liter Milch versprüht. Das sind gerade mal 2 ml Milch pro Quadratmeter», erklärt Sven Studer, «das ist meiner Meinung nach klar das kleinere Übel, als Glyphosat zu verspritzen.»

Trotzdem: Vor allem die sich vegan ernährenden Leser*innen würden wir gerne fragen: Was ist für euch das kleinere Übel? Synthetisches Herbizid versprühen oder ein Tierprodukt verwenden?

Die Diskussion ist eröffnet 😉.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
4 Kommentare zu “Ist unser Spargel «vegan»?”
    Sandra

    Vielen Dank für den sehr informativen Beitrag! Für uns, mit einem Kind mit starker Milchallergie, ist diese Information doppelt wichtig. Ich wusste bisher nicht, dass Milch auf diese Art zum Einsatz kommt. Könnten denn die Spargeln die Milch nicht "aufsaugen"? So, dass die Spargeln danach Milchprotein enthalten? Mir wäre es aus genannten Gründen natürlich lieber, wenn nirgendwo Milch verspritz wird ;-) Aber Glyphosat gehört sowieso verboten.

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Sandra, entschuldige die lange Antwortzeit. Die ausgebrachten Mengen sind minim. Zudem wird die Milch durch den Regen abgewaschen. Hier die Antwort von unserem Landwirtschaftsspezialisten: "Wenn das Protein von den Wurzeln der Pflanze aufgenommen wird, wird es zu pflanzlichem Protein. Über die Stangen wird nichts aufgenommen und wenn es durch das Spritzen Milch auf der Stange hätte, wird das durch den Regen oder das Waschen der Spargeln entfernt." Ich hoffe, wir konnten dir damit helfen ;-).

    Antworten
    Rotzgöre

    Kuhmilch oder Glyphosat - und dazwischen gibts nichts? Das kann ich kaum glauben. Da würd ich gern biovegane Landwirte wie zb auf dem Hof Narr in Hinteregg fragen. Kuhmilch zu verspitzen klingt nach Foodwaste - und ist, wie ihr selbst schreibt, Gift fürs Abwasser. Von der „Herstellung“ von dieser Milch ganz zu schweigen.

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Rotzgöre. Normalerweise empfiehlt man im ökologischen Landbau, auf eine abwechslungsreiche Fruchtfolge zu achten, den Boden regelmässig zu pflügen und eine Zwischenbepflanzung einzusetzen. Da es sich bei Spargeln um eine mehrjährige Kultur handelt, sind die ersten beiden (gleichzeitig die effektivsten) nicht möglich. Zwischenbepflanzung zwischen den Dämmen machen wir - AUF den Dämmen ist das leider nicht möglich. Wenn man nichts macht, muss man alle Disteln von Hand ausreissen. Das wird bei unseren Flächen zur unendlichen Geschichte. Unserer Ansicht nach ist es kein Foodwaste, die Milch auf dem Acker zu verspritzen - sie wird ja sinnvoll eingesetzt. Wir bespritzen die Disteln punktuell damit und leeren sie nicht einfach unkontrolliert auf dem Feld aus. Die Mengen, die wir verwenden, sind zudem sehr klein (rund 2 ml pro m2). Milch wirkt sich zudem wegen ihrer Zusammensetzung positiv auf das Bodenlebewesen aus. Gerne prüfen wir NOCH bessere Methoden - falls du eine hast, sind wir froh darum. Bisher ist uns aber keine begegnet. Die regenerative Landwirtschaft ist ein Bereich, an den wir uns gerade herantasten, was funktioniert. Ökologischer Spargelanbau ist absolutes Pioniergebiet, das macht sonst kaum einer. Wir hoffen, wir konnten mit unserer Antwort etwas Klarheit schaffen. Liebe Grüsse Valérie und Sven

    Antworten

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