regenerative Landwirtschaft
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Jucker Farm wird regenerativ

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass wir hier auf FarmTicker in letzter Zeit viel über nachhaltige Produktionsweisen geschrieben haben. Von den Schöfli auf dem Juckerhof, die neu die Pflege unserer Obstanlagen übernehmen, über die Hühner auf dem Bächlihof, die zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, den (gescheiterten) Versuch des Rebbaus ohne Pestizide in Seegräben, die Herstellung von Terra Preta in Rafz… Die Liste liesse sich noch länger fortsetzen. Um es kurz zu machen: Euer Eindruck täuscht nicht. Da tut sich etwas. Und zwar gewaltig.

Bio war und ist für uns nicht das Gelbe vom Ei

Nachhaltigkeit als Produktionskriterium ist nicht erst seit kurzem wichtig für uns. Die Gedanken dazu machen wir uns schon länger. Wir sind seit jeher interessiert daran, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln so tief wie möglich zu halten und haben uns deshalb entschieden, immer mehr krankheitstolerante oder -resistente Sorten anzubauen. Und natürlich haben wir das auch immer kommuniziert.

Immer wieder wird uns deshalb «unterstellt» wir wären ein Bio-Betrieb. Das sind wir nicht. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Einhaltung des Bio-Standards würde uns ein zu enges Korsett in der Produktion auferlegen. Und gleichzeitig reichen die Bio-Standards in vielen Bereichen zu wenig weit, für das was uns wichtig wäre. Sprich: Einfach nur blind die Vorgaben von Bio einzuhalten, ist uns zu wenig. Wir wollen die Freiheit haben, das zu machen, was für uns sinnvoll ist. Denn Bio allein macht noch keine nachhaltige Produktion (Ist Bio wirklich besser - Teil 1, 23. Februar 2017 - inkl. Video).

«Wir können es uns leisten, etwas weniger schöne Äpfel zu produzieren, weil wir sie trotzdem verwenden können.»

Selbstverarbeitung als Vorteil

Wir studieren ständig daran herum, wie wir unsere Produktion nachhaltiger gestalten, Kreisläufe schliessen und Emissionen reduzieren können. Der Umstand, dass wir unsere Produkte zu einem grossen Teil selber verarbeiten und vermarkten hat einen riesigen Vorteil: Wir sind nicht durchwegs abhängig von den strikten Qualitätsvorgaben grosser Abnehmer. Wir können es uns also leisten, etwas weniger schöne Äpfel zu produzieren, weil wir sie trotzdem verwenden können: In der Hofbäckerei wird daraus Wähe gemacht, in der HofManufaktur Apfelmus und Apfelringli produziert, oder sie werden ganz einfach zu Most verarbeitet. Das gibt uns ungeahnte Freiheiten im Bereich Pflanzenschutz. Doch das ist nur ein Puzzlestein in unserem Nachhaltigkeitsmosaik.

Landwirtschaft neu denken

Was wir jahrelang angestrebt haben, hat jetzt endlich einen Namen: Wir bewegen uns in Richtung «Regenerative Landwirtschaft». Was das ist, haben wir in einem eigenen Artikel hier auf FarmTicker erklärt. Nur so viel: Es geht darum, Landwirtschaft komplett neu zu denken und Produktionskreisläufe zu schaffen, die ihre natürlichen Grundlagen längerfristig erhalten und mit möglichst wenig Eingriffen von aussen auskommen. Dabei spielt der Boden die zentrale Rolle, denn er ist die Basis der Landwirtschaft.

«Wir reden hier bewusst nicht von "umstellen". Denn das würde den Eindruck vermitteln, man könne einfach einen Schalter umlegen und dann ist man regenerativ.»

Diesen Weg möchten wir in Zukunft noch viel bewusster gehen. Wir werden unsere Produktion Schritt für Schritt weiterentwickeln und die Kreisläufe Glied für Glied schliessen. Wir sprechen hier bewusst nicht von «umstellen». Denn das würde den Eindruck vermitteln, man könne einfach einen Schalter umlegen und dann ist man regenerativ. Das geht nicht. Schon gar nicht in der Obstproduktion, wo es Jahre geht, bis neue Kulturen voll tragen und neue Konzepte richtig greifen. So etwas braucht Zeit. 5, 10, 20 Jahre.

Was geschieht denn konkret?

Es ist ein Rantasten. Wir werden viele Dinge ausprobieren. Was davon wirklich funktioniert, sehen wir in ein paar Jahren. Doch für uns ist klar, dass wir diesen Weg beschreiten wollen. Weil er Sinn ergibt.

Bereits diesen Frühling stehen weitere Schritte auf dem Plan. Und ganz wichtig: Jeder unserer Höfe ist anders. Das gleiche Konzept muss und kann nicht für alle Höfe funktionieren. Jeder Hof baut etwas anderes an, hat unterschiedliche geografische Begebenheiten und ist unterschiedlich gross. Regenerativ in Seegräben ist nicht das gleiche wie regenerativ in Rafz.

«Für uns ist klar, dass wir diesen Weg beschreiten wollen.
Weil er Sinn ergibt.»

2021 sind – kurz zusammengefasst und nicht abschliessend - folgende Schritte angedacht (natürlich werden wir laufend ausgiebig darüber berichten!):

Juckerhof in Seegräben und Bächlihof Jona

  • Kein Einsatz von Insektizid und Herbizid. Damit das möglich wird, investieren wir in Nisthilfen für Kleinvögel und Insekten, säen Blühstreifen zwischen die Reihen. Die Schafe und Hühner helfen uns dabei, die Schädlinge in Schach zu halten. Die Unkrautbekämpfung erfolgt mechanisch.
  • In Seegräben wird ein Permakulturgarten angelegt. Auf einer Gesamtfläche von rund 1,5 HA werden flickenteppichartig Mischkulturen angepflanzt. Dieses Jahr wird ¼ der endgültigen Fläche bebaut, jedes folgende Jahr soll ein weiteres Viertel folgen.
  • Auf dem Bächlihof in Jona waren die ersten Hühner-Erfahrungen letztes Jahr gut. Deshalb wird die Hühner-Herde ausgebaut und der Bächlihof steigt in die Eierproduktion (für den Eigenbedarf) ein.

Auf dem Spargelhof in Rafz

  • Regelmässige und genauere Bodenanalysen haben ergeben, wo wirklich Bedarf besteht. Neu können wir unseren Düngereinsatz genau darauf abstimmen und geben genau so viel und kein Kilogramm mehr. Für 2021 haben wir halb so viel Dünger eingekauft wie für letztes Jahr.
  • Generell soll Kunstdünger längerfristig durch organischen Dünger ersetzt werden (Terra Preta).
  • Klingt komisch, ist aber cool: Wir werden selber Komposttee herstellen, der reich ist an Mikroorganismen, die den Boden beleben.
  • Bei einem Kirschenfeld in der Nähe vom Freienstein starten wir einen Versuch und werden jeweils 1/3 unterschiedlich behandeln, um zu sehen, wie weit wir bei der Reduktion von Pflanzenschutzmitteln gehen können.
  • Im Anbau von Kichererbsen und Getreide auf eigenen Flächen werden wir komplett pestizidfrei arbeiten.

Über dies hinaus werden wir alles, was wir bisher bereits in Gang gebracht haben, weitermachen. Resistente Sorten anbauen, Biodiversitätsflächen schaffen, Terra Preta herstellen, Gründüngungen in den Spargeldämmen, etc.

Wir nehmen euch mit auf unsere Reise, hier auf dem FarmTicker, auch wenn wir das eine oder andere Mal scheitern werden. Dann finden wir eben einen neuen Weg. Ganz egal, wie es rauskommt: Wir freuen uns sehr darauf, unsere Produktion in den nächsten Jahren neu zu denken. Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Oder halt eben für Generationen – so wie es in unserem Leitsatz heisst.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Jucker Farm wird regenerativ”
    Markus Notter

    Herzlichen Dank! Ich wünsche Euch eine gute Mischung von Misserfolg zum Erkenntnisgewinn und Erfolg um davon gut leben zu können. Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, gute Ergebnisse aus Forschung und Erfahrung nicht blind über alles zu stülpen sondern die Grundideen situationsbezogen verbindend zu denken und umzusetzen. Ich wünsche mir dass wir mit solchen Ideen von der Normkultur wieder mehr zur Lebenskultur werden. Für die Natur und den Menschen als Teil der Natur. 😊

    Antworten
    Valérie Sauter

    Danke für deinen netten Kommentar!

    Antworten

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