Trauben ohne Pflanzenschutz
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Zu wenig Pflanzenschutz

Stefan Bächli hat es dieses Jahr versucht: Die Pflanzenschutzmassnahmen auf ein Minimum herunterzufahren. Auf dem Bächlihof hat er damit gute Erfahrungen gemacht. Auch auf dem Juckerhof hat er das Obstbauteam entsprechend beraten.

Doch in Seegräben ist man damit «uf Düütsch gseit grandios auf die Schnauze gefallen» und fuhr letzte Woche bei der Wümmet gerade mal 14% der üblichen Menge ein. Auch qualitativ liess die Ernte zu wünschen übrig.

Ein Beispiel für den Umgang mit Pflanzenschutz aus der Berufspraxis.

Was ist passiert?

Einiges. Es hing nicht nur am mangelnden Pflanzenschutz. Es kamen mehrere Faktoren zusammen. Man hatte vielleicht beim Rückschnitt im Winter etwas zu stark ausgedünnt. Dazu kam aber, dass die Rebstöcke wegen des schlechten Wetters in der Blütezeit stark verrieselt* haben.

Und dann kam halt noch der Mehltau obendrauf. Bächli war – in der Annahme, es handle sich bei den Cabernet Blanc Reben um eine mehltautolerante Sorte - das Wagnis eingegangen auszutesten, mit wie wenig Pflanzenschutzmassnahmen es geht. Er riet dem Obstbauteam, den Einsatz der Pflanzenschutzmittel drastisch zu reduzieren und zugleich auf biologische, statt auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zu setzen. Es wurde mit Backpulver und Schwefel gearbeitet, unterstützt durch Mittel zur Pflanzenstärkung.

Erfahrungen sammeln

«Dabei haben wir irgendetwas falsch gemacht. Das Timing hat nicht gestimmt. Die Blätter waren weiss, die Stämme übersät von weissen Punkten. Am Anfang hatte es eigentlich gut ausgesehen. Wahrscheinlich haben wir etwas zu stark heruntergefahren mit den Pflanzenschutzmitteln», sagt Stefan Bächli.

In den Vorjahren war Bächli’s Devise: Lieber weniger Behandlungen mit synthetischen Mitteln, statt viele mit Bio-Mitteln. Dieses Jahr hat er wenige Behandlungen mit Bio-Mitteln versucht. Das hat in der diesjährigen Konstellation nicht gereicht.

Die kümmerliche Bilanz dieses Jahr: «Wir haben einen Ertragsausfall von ca. 85%. Statt der durchschnittlich 4500 kg gab es dieses Jahr 650 kg. Das entspricht ca. 4000 Flaschen weniger Wein. Man könnte fast von Glück reden, dass wir durch Corona noch viel Wein von den Vorjahren im Keller haben. In normalen Jahren wäre das ein Desaster», sagt Bächli.

Verrieselte Trauben

Die Trauben waren stark von "Verrieselung" betroffen.

Befallene Blätter

Der Mehltau hat seine Spuren hinterlassen...

Ausgedünnte Reben

Der Ertrag dieses Jahr betrug einen Bruchteil einer normalen Ernte.

Es war trotzdem richtig

Und trotzdem - Bächli bereut es nicht: «Das gehört zum Beruf dazu. Nachhaltigkeit ist ein zu wichtiges Thema. Dazu gehört auch mal, die unteren Grenzen auszuloten. Ich hatte das Gefühl, wir haben bisher eher zu viel gemacht. Jetzt haben wir halt mal zu wenig gemacht. Den Talboden ist ausgelotet und wir tasten uns nun wieder nach oben vor. Es war ein teures Lehrgeld, aber ein wichtiges. Nun wissen wir, dass man bei Bio eben etwas genauer darauf schauen muss. Das Ziel ist es, Wein auf nachhaltige Art und Weise zu produzieren.»

So ein Experiment ging nur, weil die Reben in Seegräben nicht Bächlis Hauptkultur sind. Trotz des nun grossen Ausfalls war es ein kalkulierbares Risiko und hat den Betrieb nicht in seiner Existenz bedroht. Das kann sich nicht jeder Betrieb leisten.

Komplexes Thema

Das Beispiel zeigt, dass das Thema Pflanzenschutz eben nicht ganz einfach ist – gerade im Rebbau, der auf äussere Einflüsse wie Wetter, Pflanzenkrankheiten und Schädlinge sehr sensibel reagiert. Hier einen nachhaltigen Weg zu finden ist aufwändig und teuer und setzt ein grosses Engagement und Fachwissen voraus.

Im Rebbau ganz ohne Pflanzenschutzmittel auszukommen, hält Stefan Bächli für nahezu unmöglich: «Das klappt vielleicht wenn man Glück hat im privaten Rahmen. Wer aber beruflich Leute mit Wein oder Saft versorgt, muss liefern können. Sonst gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ein Jahr lang keinen Wein trinken, oder den Wein von sonst woher zukaufen», sagt Bächli. Deshalb sieht er – obwohl ihm ein nachhaltiger Anbau wichtig ist – die Trinkwasserinitiative kritisch.

 

*Was heisst «verrieseln»?

Verrieseln bedeutet, dass der Baum in einer Art Selbstregulation einen gewissen Anteil an kleinen Beeren oder Blüten abstösst. Das ist ein normaler Vorgang, der aber durch gewisse Bedingungen (wie eben z.B. Kälte in der Blütezeit oder Krankheitsbefall) verstärkt werden kann.

 

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PFLANZENSCHUTZTHEMA

Der Pflanzenschutz ist derzeit ein Thema, das in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird. Da wir hier nahe am Puls der Praxis sind, wollen wir aufzeigen, welche Problemstellungen sich täglich stellen und warum wir entscheiden, wie wir entscheiden. Damit der Konsument erkennt, wie seine Einkaufsentscheide die Art der Produktion beeinflussen.

In einem Übersichtsartikel fächern wir die verschiedenen Aspekte der Thematik auf. Momentan befinden wir uns in der Diskussion hier:

Juckerfarm Infografik Pflanzenschutz Bauer

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Zu wenig Pflanzenschutz”
    Heinz Gerber

    Liebes Juckerfarm-Team, einmal mehr; kein Jahr ist wie das andere! Aber dies Jahr habt Ihr schon ein paar grundsätzlich Fehler gemacht! Z.B. "Cabernet Blanc" ist eine pilztolerante Sorte. Aber diese Toleranz ist gegenüber dem echten Mehltau nur marginal. Dass Ihr davon gewusst habt zeigt Eure Mittelwahl. Aber der Einstieg in die Bioszene ist halt nicht nur ein Wechsel der Pflanzenschutzmittel. Aber jetzt in der ruhigeren Winterzeit habt Ihr hoffentlich Zeit, Resistenz der Pflanzen gegenüber Schadpilzen/Bakterien und Viren zu analysieren. Ich wünsche Euch viel Erfolg dazu - denn 2021 wird sicher auch seine Herausforderung beim Pflanzenschutz stellen.

    Antworten
    Valérie Sauter

    Jaja Heinz, das haben wir jetzt eben auch gemerkt ;-). Danke für deine guten Wünsche.

    Antworten

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