Farmticker Icon Antworten Antworten von Valérie

Pflanzenschutz – Worum geht es überhaupt?

Es sind unübersichtlich viele Stimmen, die sich zum Thema äussern. Was ist nachhaltige Landwirtschaft? Warum landen unerwünschte Stoffe im Trinkwasser? Wie gefährlich sind sie? Und welche Alternativen haben wir? Es ist schwierig, hier den Überblick zu behalten. Dieser Artikel soll hier Abhilfe schaffen.

Das gemeinsame Ziel: Alle ernähren

Pflanzenschutzmassnahmen gibt es, weil Pflanzen krank werden können. Sei es durch Pflanzenkrankheiten oder weil Schädlinge sie zerstören. Unsere Vorfahren haben immer wieder den Kampf dagegen verloren und mussten Hunger leiden. Die letzte - biologisch bedingte - Hungersnot Europas ist allerdings fast 200 Jahre her. Und doch wurde das Thema jetzt in der Corona-Zeit wieder sehr präsent. Waren wir nicht schampar froh um alle Lebensmittel, die hier produziert wurden? Es ist beruhigend zu wissen, dass man beim Bauern um die Ecke Kartoffeln und Eier kriegt, wenn rundherum alles ins Wanken gerät.

Das gemeinsame Ziel ist es also, die Weltbevölkerung zu ernähren. Ich glaube, darauf können wir uns einigen. Zur Diskussion steht im Moment allerdings, WIE das getan werden soll.

Immer mehr Menschen müssen ernährt werden und in den letzten Jahrzehnten wurde alles aus den Böden herausgeholt, was ging. Nun zeigt sich langsam, dass dies längerfristig auf Kosten der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen geschehen sein könnte.

Wir landen also bei der Frage: Wie produzieren wir längerfristig genügend Lebensmittel, ohne unsere Gesundheit zu gefährden oder die Produktionsgrundlagen nachhaltig zu zerstören?

Was ist nachhaltiges (Land-)Wirtschaften? Hier gehen die Meinungen auseinander. Ein heiss diskutierter Bereich ist der Pflanzenschutz. Und Pflanzen schützen kann man auf viele verschiedene Arten. Doch starten wir am Anfang:

Pflanzenschutz: Wer Warum, Wie, Was?

Wovor müssen wir Pflanzen schützen?

An verschiedenen Orten auf der Welt kämpfen Bauern gegen unterschiedliche Pflanzenkrankheiten und Schädlinge.

Die bekanntesten Pflanzenkrankheiten im Obstbau unserer Breitengrade sind Schorf, Mehltau und Feuerbrand. Sie können zu massiven Ertragsausfällen führen und müssen deshalb bekämpft werden. Meist geschieht das heute durch das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln. Welche davon verwendet werden, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu mehr weiter unten.

Die bekanntesten Schädlinge im Obstbau sind Blattläuse, Spinnmilben, Apfelwickler und Wühlmäuse. Hier ist die Palette der Bekämpfungsmöglichkeiten breit.

Und was kann man dagegen tun?

Das erste, was einem zu dem Thema einfällt, sind die synthetische oder natürliche Pflanzenschutzmittel. Es kommen aber – sowohl im konventionellen als auch im Bio-Anbau - auch mechanische Techniken (wie Jäten oder Folientunnels), zum Schutz der Pflanzen zum Einsatz.

Für welche Massnahmen sich der Bauer entscheidet, hängt davon ab

- was er anbaut (anfällige vs. resistente Kulturen)
- an welcher Lage sich sein Hof befindet (sonnig und trocken, oder eher feucht und schattig, exponiert oder geschützt etc.)
- wie die aktuelle Wetterlage ist (warm, trocken, nass, kalt)
- welche Prinzipien er bei der Produktion verfolgt (Bio, IP, Demeter, konventionell usw.)
- welche Anbaustruktur kann er auf seinen Flächen umsetzen (Monokultur, Mischkulturen, Pflanzenpartnerschaften etc.)
- wo und wie er seine Produkte verkaufen kann (Direktverkauf an private Kunden oder grosse Mengen makelloser Produkte an Grossverteiler)
- welche personellen Ressourcen ihm zur Verfügung stehen (wie viele können z.B. jäten helfen)

Die Anbauplanung ist für das Thema Pflanzenschutz ebenso zentral, wenn nicht fast noch wichtiger als die mechanischen oder chemischen Massnahmen zur «Symptombekämpfung». Nicht jede Obstsorte eignet sich für jeden Standort. Es macht z.B. keinen Sinn, schorfanfällige Obstsorten an kühlen, feuchten Lagen anzubauen. Mit den heutigen Mitteln kann man es schon, aber es ist mit viel (finanziellem und personellem) Aufwand verbunden und bedingt einen höheren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Hier wird klar, dass das Thema sehr viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist immer einfach, auf einen Bauern zu zeigen, der ein Pflanzenschutzmittel ausbringt. Doch man weiss nie genau, welche Verhältnisse ihn dazu bringen, es zu tun. Das Thema Pflanzenschutz ist komplex und die Beurteilung der richtigen Massnahmen selbst für Profis nicht immer leicht.

Technologischer Fortschritt

Viel Hoffnung wird auch in den technologischen Fortschritt gesteckt. Hier bringen neue Technologien («Smart Farming») die Möglichkeit, das Risiko für Pflanzenkrankheiten frühzeitig zu erkennen und entsprechend früh zu handeln. Oder Pflanzenschutzmittel spezifischer anzubringen und so deren Einsatz um ein Vielfaches zu reduzieren.

Bio und Co.

Um dem Konsumenten eine bessere Orientierung zur Produktion zu bieten, hat man unterschiedliche Produktionsstandards- oder Labels definiert. Im Obstbau gibt es neben der konventionellen Produktion folgende (in Bezug auf den Pflanzenschutz relevante) Labels, die unterschiedlich strenge Vorgaben machen:

  • die Integrierte Produktion (IP Suisse; Förderung von Biodiversität, Einschränkungen bei Pflanzenschutzmitteln, keine Gentechnik)
  • Bio (Bio Knospe; Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und Kunstdünger)
  • Demeter (wie Bio, noch strenger; z.B. weniger Kupfer)

Abgesehen davon gibt es noch den ÖLN, den ökologischen Leistungsnachweis, den jeder Bauer erbringen muss, WENN er Direktzahlungen beziehen möchte. Rund 34'000 von den rund 50'000 Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz beziehen Direktzahlungen.

Wer hat die Verantwortung?

Wer bestimmt, wie viel oder welche Art von Pflanzenschutz eingesetzt wird? Schlussendlich wir alle. Und das geht in der Diskussion manchmal unter.

  • Bauern: Der Bauer wählt aus dem ihm angebotenen Sortiment an Pflanzenschutzmitteln aus. Er verlässt sich dabei auf die Empfehlungen der Berater (Vertreter der Pflanzenschutzfirmen).
    Verantwortung übernehmen: Nur so viel einsetzen wie nötig, kritisch hinterfragen, was ihm verkauft wird, gescheite Anbauplanung (siehe oben).
  • Forschung: Die Forschung analysiert den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und stellt die Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung.
    Verantwortung übernehmen: Genau hinschauen, unabhängig forschen.
  • Staat: Definiert die rechtlichen Rahmenbedingungen aufgrund der gesellschaftlichen Anforderungen. Dies betrifft zum Beispiel die Förderung von gewissen Massnahmen (z.B. Labels) oder die Bewilligung von Pflanzenschutzmitteln. Da wir in einer direkten Demokratie leben, können wir hier Einfluss nehmen. Direkt, indem wir uns an Initiativen beteiligen. Indirekt, indem wir Parteien wählen, die unsere Interessen bei der Gesetzgebung möglichst gut umsetzen.
    Verantwortung übernehmen: Rechtliche Vorgaben konsequent durchsetzen, Interessen der Bevölkerung umsetzen.
  • Industrie: Entwickelt und vermarktet neue Wirkstoffe. In ihrer Verantwortung ist es Mittel zu entwickeln, die gleichzeitig wirksam sind aber auch die Ressourcen schonen und keine Langzeitschäden anrichten.
    Verantwortung übernehmen: Wirksamkeit ohne erwünschte Nebenwirkungen entwickeln.
  • Konsument: Er entscheidet, was er kauft. Er kann aber nur kaufen, was angeboten wird. Und richtig entscheiden kann er nur, wenn er alles über die Produktion weiss. Das tut er meist nicht.
    Verantwortung übernehmen: Nachfrage steuern mit seinem Kaufverhalten.
  • Detailhändler: Er kauft grosse Mengen an Produkten ein und trifft eine Vorauswahl für den Endkonsumenten.
    Verantwortung übernehmen: Gewissenhaft einkaufen, Produktionsbedingungen genau nachfragen.

Unsere Aufgabe als Gesellschaft wäre es eigentlich, gemeinsam Standards zu definieren, die uns längerfristig ermöglichen, unser gemeinsames Ziel zu erreichen, nämlich alle zu ernähren, ohne dabei längerfristig die Produktionsgrundlagen zu zerstören oder unsere Gesundheit zu gefährden.

Im Zuge der Diskussion um die Trinkwasserinitiative scheint es manchmal so, als würden wir an dieser Frage immer wieder scheitern.

Wir versuchen als FarmTicker hier einen Teil zur Diskussion beizutragen und unterschiedliche Aspekte zu dem Thema zu beleuchten. Einige Artikel sind schon entstanden, weitere werden kommen.

 

Bisher zum Thema erschienen:

Ausserdem haben wir einen Podcast zum Thema aufgenommen. Hier der Videomitschnitt:

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
Noch keine Kommentare zu “Pflanzenschutz – Worum geht es überhaupt?”

    Weitere Berichte

    Spargeln Spargelstechen2

    Hitzige Diskussion um Erntehelfer

    Antworten von Nadine

    Der FarmTicker-Artikel vom 17. März “Und wer erntet jetzt die Spargeln?” hat eingeschlagen wie…

    Weiterlesen
    Folientunnel Tomatenpflanzen

    Folientunnels – Ärgernis oder Chance?

    Antworten von Valérie

    Im August 2018 haben zwei Aargauer Obstbauern Folientunnels für ihren Aprikosen-Anbau errichtet. Klar: Folientunnels sehen…

    Weiterlesen
    Erdbeerfeld Traktor

    Landwirtschaftskonflikt – Ein Vermittlungsversuch

    Antworten von Valérie

    Der Konflikt zwischen Konsumenten und Bauern scheint zu eskalieren. Auf der einen Seite brüllt es:…

    Weiterlesen
    Bauern arbeiten auf dem Feld - Ernten Rosenkohl

    Liebe Bauern…

    Antworten von Valérie

    Oho! Das war dicke Post (Artikel vom 12. Januar 2020: Liebe Konsumenten). Die Bauern…

    Weiterlesen
    Zwei Damen an der Spargeltheke

    Liebe Konsumenten…

    Antworten von Valérie

    In der Öffentlichkeit wird aktuell viel darüber diskutiert, WIE Lebensmittel produziert werden sollen. Die Konsumenten…

    Weiterlesen
    Restaurant Terrasse mit Aussicht auf See

    Bistro-Pläne in Pfäffikon?

    Antworten von Valérie

    In Pfäffikon – direkt «ännet» dem See des Juckerhofs soll ja in näherer Zukunft ein…

    Weiterlesen
    ×