Rebstöcke vor Pfäffikersee
Antworten von Valérie

Folgen der Trinkwasserinitiative

Am 18. Januar 2018 wurde die Initiative «für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» mit 114'420 Unterschriften eingereicht. Wir erläutern, warum diese Initiative - ganzheitlich gesehen – unserer Meinung nach mehr schadet, und wie man der Herausforderung, das Trinkwasser zu schützen und gleichzeitig die Ernährungssicherheit herzustellen begegnen müsste.

Vorneweg: Wir wären von der Initiative ohnehin nicht betroffen, da wir bereits jetzt ohne Direktzahlungen auskommen. Im Gegenteil: Wir würden eher davon profitieren, da die Spiesse mit unseren Mitbewerbern wieder gleich lang wären.

WAS WILL DIE INITIATIVE

Die Schweizer Gewässer stehen punkto Sauberkeit im weltweiten Vergleich gut da. Trotzdem findet nach wie vor zu viel Verunreinigung statt. Auch, bzw. im Wesentlichen durch die Landwirtschaft und ihre Pflanzenschutzmittel.

Deshalb wurde die Initiative lanciert. Kurz zusammengefasst möchte sie die Direktzahlungen beschränken auf Betriebe

  • mit einem ökologischen Leistungsnachweis
  • die komplett ohne synthetische Pestizide produzieren
  • die sämtliche Futtermittel für den Tierbestand selber produzieren (kein Import von Kraftfutter)
  • keinen prophylaktischen Einsatz von Antibiotika

Den kompletten Initiativtext findet man hier.

Vieles davon klingt auf den ersten Blick vernünftig. Gleichzeitig gibt es aber einige grosse Kritikpunkte. Wir konzentrieren uns in diesem Artikel ausschliesslich auf den Aspekt des Pflanzenschutzes, was scheinbar auch der am meisten umstrittene Passus im Initiativtext darstellt.

PROBLEMATISCHER PASSUS

Die Initiative möchte Betriebe von Direktzahlungen ausschliessen, die synthetisch hergestellte Pestizide spritzen. Organische Pestizide sollen erlaubt sein. Nur: Ein Pestizid ist per Definition etwas, was Leben kaputt macht. Seien es nun für die Pflanze schädliche Pilze – oder irgendwelche Insekten, die sich über die angebauten Kulturen hermachen. Ganz ohne kontrollierten Pflanzenschutz geht es auch in der Bio-Produktion nicht. Ginge man einen Schritt weiter - und da sind sich Obst- und Gemüseproduzenten wie Weinbauern einig – ganz ohne Pflanzenschutz gäbe es weitreichende Ernteausfälle.

WAS PASSIERT?

Mal abgesehen davon, dass auch die Bio-Produktion nicht ganz ohne Pflanzenschutzmittel (wenn auch organische PSM) auskommt, gibt es bei Annahme der Initiative 2 Szenarien:

1.  Ein Grossteil der Betriebe stellt auf Bioproduktion

Eine vordergründig wünschenswerte Entwicklung, auf die die Initiative abzielt.  Allerdings ist fraglich, ob dann auch wirklich ein Grossteil der Kunden bereit sind Bio zu kaufen und rund 50% teurere Produkte in Kauf zu nehmen. Zudem ist in Frage gestellt, ob die produzierte Menge für die ganze Schweiz reichen würde. Der Selbstversorgungsgrad von Bio-Obst liegt jetzt schon nur knapp bei einem Drittel. Unter Umständen müsste also noch mehr Bio-Ware importiert werden, was einen zusätzlichen CO2-Ausstoss zur Folge hat.

2.  Der andere Teil der Bauern entscheidet sich, weiterhin konventionell zu produzieren.

Diese Betriebe sind dem Kostendruck noch viel stärker ausgesetzt als heute, da sie keine Subventionen mehr erhalten. Viele von ihnen werden einen regelrechten Überlebenskampf führen. Sie müssen noch viel stärker nach der Logik der kurzfristigen Ertragsmaximierung operieren. Heisst: Alles möglichst noch heute aus dem Boden holen. «Diese Leute werden schlicht nicht mehr den Luxus haben, auf Biodiversität zu achten. Da bleibt kein Raum mehr für gute Taten», sagt Martin Jucker, «es wird tendenziell mehr gespritzt werden». Ob das wirklich besser für die Umwelt ist? Und wohlgemerkt: Dies können sie – im Rahmen der aktuell geltenden gesetzlichen Bedingungen – tun. Denn die Initiative verbietet den Pflanzenschutz nicht.

Ein weiterer problematischer Punkt – gerade im Obstbau – ist der folgende: Eine Umstellung der Produktion dauert mehrere Jahre. Ein Apfelbaumleben dauert 12-15 Jahre. «Wir haben vor 5 Jahren begonnen, resistentere Sorten zu setzen. Aber bis die Umstellung komplett vollzogen ist, dauert es weitere 10 Jahre», so unser Obstbauchef Stefan Bächli. Selbst wenn die Motivation stimmt – die Existenz vieler Bauern stünde auf dem Spiel, auch wenn diese sich bereits vorletztes Jahr zu einer Umstellung entschlossen haben. Sie würden dafür bestraft.

Und die Trinkwasser-Initiative ist nur der Anfang: Eine noch radikalere Initiative ist ebenfalls unterwegs an die Urne. Sie möchte den Einsatz von Pestiziden komplett verbieten. Martin Jucker dazu: «Hier muss man sich einfach im Klaren sein darüber, was das bedeutet. Den Anspruch der Versorgungssicherheit könnten wir dann vergessen».

FOLGE: GAR KEINE BEEREN MEHR

Bei sämtlichen Beeren- und Weinbaukulturen gehe es ohne Pflanzenschutz gar nicht. «Gegenwärtig haben wir beispielsweise massive Probleme wegen der Kirschessigfliege. Sie wurde im Zuge der Globalisierung – sei es nun durch Import oder durch Reisetätigkeiten – eingeschleppt und hat hier noch keine natürlichen Feinde. Unsere Kulturen sind ihr schutzlos ausgeliefert. Wir haben versucht, mit Fallen zu arbeiten. Wir hatten keine Chance. Und bis sich ein heimischer Nützling etabliert hat, sind wir auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. Das gefällt uns auch nicht - ist aber so», so Martin Jucker.

Heisst: Ohne Pflanzenschutzmittel hätten wir seit 3 Jahren einen kompletten Ernteausfall im Beerenbereich. Und zwar europaweit. Also GAR keine Heidelbeeren, Himbeeren, Kirschen, keinen Schweizer Wein etc.

Was ist die Alternative? Alles importieren? Die Verantwortung ins Ausland abschieben? Wie sieht es dort mit Pflanzenschutz aus? Oder sind die Leute wirklich bereit, jahrelang komplett auf Beeren zu verzichten? Wir bezweifeln das. Martin Jucker spitzt die Aussage zu: «Vor dem modernen Pflanzenschutz gab es Hungersnöte und Missernten. Die Leute haben vergessen, was das bedeutet, weil wir über Jahrzehnte immer alles verfügbar hatten. Aber man muss sich das mal vor Augen führen. Die Natur ist nicht einfach heiter Sonnenschein. Die Natur ist brutal. Die Logik ist fressen oder gefressen werden.»

ES MUSS WAS PASSIEREN!

Trotzdem. Es gibt Handlungsbedarf, und zwar dringend. Gemäss einer Studie der Eawag, publiziert im April 2017 ist die Verschmutzung durch Pflanzenschutzmittel von Bächen in landwirtschaftsintensiven Zonen immer noch viel zu hoch: Da gibt es nichts schön zu reden. Aber wenn nicht diese Initiative, was denn sonst?

WAS HILFT DEN SONST?

Martin Jucker ist überzeugt, dass wir den Einsatz von PSM um 30% senken könnten, wenn auf Konsumentenseite Kompromisse eingegangen werden. Wir sind gefangen in einem negativen Kreislauf. Der Konsument wählt im Supermarkt vorzugsweise perfekte Produkte. Ein Grossteil der Konsumenten sind hier Opfer eines evolutionär entwickelten Entscheidungsmusters. Nur ein kleiner Teil konsumiert konsequent verantwortungsvoll.

Der Grossverteiler nimmt in der Folge von den Produzenten nur noch perfekte Produkte entgegen, da er alles was nicht perfekt ist, wegschmeissen muss oder nicht zum gleichen Preis verkaufen kann.

Auf der Produzentenseite sind die Bauern somit dem Druck ausgesetzt, perfekte Ware liefern zu müssen, um überhaupt liefern zu können. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. «Das ist allerdings nicht so einfach. Denn das, was von der Gesellschaft politisch gefordert wird, deckt sich nicht mit ihrem Einkaufsverhalten», sagt Martin Jucker.

«Wir lösen das so, dass wir unsere Produkte selber vermarkten. Dann können wir hier auch die Preise selber bestimmen und die Kriterien selber festlegen, wie perfekt die Äpfel sein müssen. Vorneweg: Unsere Äpfel müssen weniger perfekt sein als für den Verkauf im Grosshandel. Zudem kommen wir weg von den «Mainstream»-Sorten und bauen nur noch alternative, krankheitsresistente Sorten an», so Martin Jucker.

Damit das aber wieder ins Gleichgewicht komme, brauche es wieder den direkten Kontakt zwischen dem Konsumenten und dem Bauern.

Einen weiteren Ansatzpunkt sehen wir im Einbezug der Anwendungen von Privathaushalten. Diese sind im Aktionsplan Pflanzenschutz nicht berücksichtigt. Oder wie es Stefan Bächli, unser Obstbauchef, treffend formuliert: «Ich mache eine 3-jährige Ausbildung, berechne ganz genau das Volumen der zu behandelnden Fläche. Meine Spritze wird alle 4 Jahre geprüft, ich bilde mich weiter, etc. Jetzt kommt der Hans-Heiri Muster, kauft im Fachmarkt seine Produkte, schmeisst einen Suppenlöffel dieses Produkts in seine Handspritze und behandelt damit seinen Baum, bis er tropft. Danach leert er den Rest ins Waschbecken.» Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber hier könnte man sicher ansetzen. Natürlich hat der Hans-Heiri Muster nicht die gleiche Fläche, aber wenn das 10'000 weitere Hans-Heiri Musters das in der Schweiz so machen, wird das Verhalten doch relevant.

Wir sind gespannt, wie sich die Diskussion in der Öffentlichkeit weiter entwickelt.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenns "brennt". Die Medienwissenschaftlerin hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet.

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