Folientunnel Tomatenpflanzen
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Folientunnels – Ärgernis oder Chance?

Im August 2018 haben zwei Aargauer Obstbauern Folientunnels für ihren Aprikosen-Anbau errichtet. Klar: Folientunnels sehen nicht besonders schön aus, aber sie haben zwei massive Vorteile:

  1. Sie ermöglichen die Produktion von Lebensmitteln, die mehr Wärme benötigen und ohne Tunnel in unseren Breitengraden nur schwer produzierbar wären und zwar OHNE zusätzlichen Heizaufwand - die Sonne macht das ganz allein. Auch Jucker Farm produziert gewisse Kulturen mit Hilfe solcher Folientunnels (Tomaten z.B.).
  2. Folientunnels schützen die Kulturen vor eingeschleppten Schädlingen und bis zu einem gewissen Grad auch vor Pflanzenkrankheiten. Das bedeutet, wenn man Folientunnels erstellt, kommt der Bauer mit massiv weniger Pflanzenschutzmitteln aus.

Nun haben Pro Natura, WWF Schweiz und BirdLife Schweiz bereits letzten Sommer Beschwerde gegen die erstellten Folientunnels eingereicht. Die Erstellung sei formell nicht korrekt über die Bühne gegangen. Letzte Woche haben sie vom Aargauer Regierungsrat Recht bekommen.

Formfehler muss behoben werden

Matthias Betsche, Präsident von Pro Natura Aargau begründet die Beschwerde folgendermassen: «Zum Schutz der wunderschönen Hallwilersee-Landschaft haben Kanton und Gemeinden entsprechende Schutzzonen erlassen. Wirksam werden die entsprechenden Schutzzonen jedoch erst, wenn sie auch umgesetzt werden. Genau das ist jedoch in diesem Fall nicht geschehen. Pro Natura Aargau hat den statutarischen Auftrag und die Verantwortung, sich dort einzubringen, wo unseres Erachtens Landschaftsschutz- und Naturschutz-Bestimmungen verletzt werden - wie zum Beispiel bei Plastik-Tunnels in Schutzzonen. Pro Natura erfuhr von diesen aus der Zeitung. Mit dem nicht korrekten Ausschreiben des Baugesuchs hatten wir keine andere Wahl, als nachträglich Beschwerde zu erheben.»

«Es geht nicht um Befürchtungen, sondern darum, dass die demokratisch beschlossenen Regeln, zum Beispiel im Landschaftsschutz, von allen eingehalten werden»

Werner Müller, Geschäftsführer BirdLife Schweiz

Für BirdLife Schweiz war die Motivation eine ähnliche: «Das Verbandsbeschwerderecht hat zum Ziel, Entscheide von Behörden, die nicht den vom Schweizer Volk beschlossenen Vorschriften beim Schutz von Umwelt, Landschaft und Natur entsprechen, überprüfen lassen zu können. Der Entscheid, den BirdLife hier zusammen mit anderen Organisationen überprüfen liess, war aus Landschaftsschutzgründen nicht rechtskonform. Von offenen, nicht verbauten Landschaften profitieren der Mensch und die Natur. (…) Es geht nicht um Befürchtungen, sondern darum, dass die demokratisch beschlossenen Regeln, zum Beispiel im Landschaftsschutz, von allen eingehalten werden», sagt Werner Müller, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz.

Von WWF haben wir auf unsere Anfrage keine Antwort erhalten.

Landschaftsschutz vor Klimaschutz?

Auch wenn die Naturschutzorganisationen formell im Recht sind, hinterlässt die Aktion einen schalen Nachgeschmack. Denn in der Wirkung wird einem lokalen Anbau von Aprikosen Steine in den Weg gelegt.

Es entsteht der Eindruck, dass Pro Natura, WWF und Birdlife den Schutz des Landschaftsbilds höher gewichten als den Schutz des Klimas durch eine lokale Produktion. Matthias Betsche relativiert: «Es geht nicht um die Frage, ob wir für oder gegen einen solchen gedeckten Aprikosenbau im Aargau sind. Es geht um die Frage, wo solche Anlagen raumplanerisch stehen können. Es ist eine Standort-Frage. Der Entscheid des Regierungsrates macht klar, dass Plastik-Tunnels die Landschaftsschutzzonen des Hallwilersees nicht beeinträchtigen dürfen und zonenkonform sein müssen. Das ist auch wichtig im Hinblick auf die vielen weiteren anstehenden Projekte, die allesamt auf die Hallwilersee-Landschaftsschutzzone Druck machen. Bei der Auswahl des richtigen Standorts steht einer gedeckten Aprikosen-Anlage nichts im Wege.»

Tunnels lieber nur in Südfrankreich?

Mit anderen Worten: Aargauer Aprikosen ja, aber nicht am Hallwilersee. Aber wo denn dann? Ist denn anderswo im Aargau genügend zonenkonformer Platz für Aprikosentunnels? Ralf Bucher, Geschäftsführer des BV Aargau: «Natürlich gibt es heute Standorte, wo Folientunnels erlaubt sind. Nur sind diese Standorte sehr dünn gesät, da gerade geeignete Gebiete häufig in überlagerten Schutzzonen, sowie Landschaften von kantonaler Bedeutung oder Landschaften von nationaler Bedeutung sind.»

«Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden, was uns wichtiger ist: Klimaschutz oder Landschaftsschutz.»

Hier dürften wir uns als Gesellschaft in Zukunft entscheiden müssen, was uns wichtiger ist: Eine möglichst umfassende Versorgung durch regionale Produkte, oder ein umfassender Schutz des Landschaftsbildes. Beides geht nicht. Vom moralischen wie auch ökologischen Gesichtspunkt her ist es durchaus fragwürdig, aus ästhetischen Gründen eine Produktion im Inland zu verhindern. Ganz nach dem Motto: In Südfrankreich stören uns die Folientunnels nicht, aber vor der Haustüre wollen wir sie nicht haben.

Die Landwirtschaft befindet sich mitten in einem Strukturwandel. Dieser ist nur möglich, wenn innovative Bauern nicht im Keim erstickt werden, sondern eben auch neue Wege ausprobiert und gegangen werden. Und das bedingt möglicherweise eine Anpassung der Gesetzgebung.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Folientunnels – Ärgernis oder Chance?”
    Jules W.

    Guten Tag
    Ich sehe die Thematik als aktiver Landwirt etwas anders.
    1. Die Schweizer Landwirtschaft unterhält eine einmalige Kulturlandschaft, ob im Talgebiet oder in den Hügel- und Bergzonen. Folientunnel und Gewächshäuser können konzentriert Sinn ergeben, aber nicht verstreut in schönen Landschaften. Ansonsten können wir der Bevölkerung keinen Mehrwert der Schweizer Landwirtschaft mehr bieten.
    2. Wir sprechen hier über Aprikosen im Aargau. Niemand hat gefordert, dass Aprikosen im Aargau angebaut werden. Sie dienen nicht der Versorgungssicherheit und sind ein ledliglich saisonales Produkt. Die Schweizer dürfen bereits schöne Schweizer Aprikosen aus dem Wallis geniessen.

    Freundliche Grüsse

    Antworten
    Valérie Sauter

    Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag. Natürlich, wenn immer möglich, soll die Kulturlandschaft gewahrt werden. Was aber, wenn die Bevölkerungsdichte so gross wird, dass es nicht mehr möglich ist? Wir sind vielleicht noch nicht an diesem Punkt angelangt, aber solche Fragen werden wir uns in 10, 20 Jahren ohnehin stellen müssen.

    Nach meiner Wahrnehmung hat es nie genügend Aprikosen aus dem Wallis, und selbst wenn, dann kommen sie alle gleichzeitig. Warum nicht also mittels Tunnels verfrühte Kulturen aus der Schweiz ermöglichen, und dafür weniger Aprikosen von sonst woher importieren...? Fakt ist, dass Aprikosen eben nicht sonderlich saisonal angeboten werden in den Grossverteilern, sondern über eine viel längere Zeitspanne. Die Nachfrage wäre auch ausserhalb der Walliser Saison da und gegenwärtig wird sie einfach durch ausländische Produkte gedeckt. Es wäre doch wünschenswert möglichst viel unseres Eigenbedarfs selber decken zu können.

    Antworten

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