Bäuerin mit Kühen
Hofleben von Valérie

Frauen in der Landwirtschaft – Teil 2

Die Frauen sind der Kitt in der Landwirtschaft. Ganz egal, ob sie jetzt als Landwirtinnen oder in der Rolle der Bäuerin unterwegs sind: Sie füllen Lücken, haben den Überblick, kümmern sich auch noch um die Kinder oder um die pflegebedürftigen Schwiegereltern. Sie sind es, die den Spagat machen. Jeden Tag.

«Die Schweizer Bäuerin» ist 48 Jahre alt, verheiratet, hat 3 Kinder und ist schon auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sie arbeitet zusätzlich in einem kleinen Pensum auswärts und macht maximal 1 Woche Ferien pro Jahr (Quelle: BLW).

Ich durfte für diesen Artikel mit den unterschiedlichsten Frauen über ihre Rolle als Bäuerin oder Landwirtin (ja, das ist ein Unterschied) sprechen. Sie sind zwischen 20 und über 60, die meisten haben Kinder. Darunter sind Bauerntöchter, ausgebildete Landwirtinnen und Bäuerinnen, die die Ausbildung als solche gemacht haben, sowie auch Quereinsteigerinnen, die ganz wo anders herkommen. Und es wurde klar: «Die Schweizer Bäuerin» gibt es nicht. Etwas jedoch haben diese Frauen gemeinsam: Diese Frauen reissen was. Ohne sie ginge es nicht.

Wer sind diese Frauen? Wie geht es ihnen? Und wie zufrieden sind sie mit ihrer Rolle? Dies sind die Fragen, die wir in Teil 2 unserer Reihe über die «Frauen in der Landwirtschaft» genauer anschauen.

Das Heimchen am Herd

Ist sie das wirklich, die Bäuerin? Das Heimchen am Herd, das sich für den Betrieb aufopfert? Tatsächlich scheint in Bauernfamilien noch die traditionelle Rollenverteilung vorzuherrschen: Der Mann leitet als Landwirt den Hof, die Frau hilft als Bäuerin da mit, wo es sie braucht und ist für den Haushalt und die Kinder zuständig. Doch ist das nicht bei den meisten Familien - auch ausserhalb der Landwirtschaft - heute noch der Fall?

«Ich bin Mädchen für alles»

Bettina, Bäuerin, 41

Diese Frauen arbeiten viel. Und viele von ihnen verstehen sich als Zudienerinnen für ihren Mann, den Betriebsleiter: «Ich bin Mädchen für alles. Ich helfe da, wo es gerade Hilfe braucht. Sei es jetzt mal beim Mähen oder Rechen, oder Melken. (…) immer wieder umdisponieren zu müssen, das bringt mich manchmal fast zum Durchdrehen. Er delegiert. Und wenn ihm einfällt, dass er jetzt doch mähen will, kann ich meine Arbeit wieder unterbrechen», erzählt beispielsweise Bettina aus dem Toggenburg.

Auch Erika, eine junge Landwirtin, die sich bewusst für diese Ausbildung auf dem Weg zur künftigen Betriebsleiterin entschieden hat, beschreibt die Situation so: «Die Männer (in der Landwirtschaft, Anm. der Red.) wollen schon lieber Frauen, die die Hausmutter-Rolle übernehmen.»

In einer Masterarbeit des geographischen Instituts der Uni Zürich wird klar: Selbst wenn die Mutter als Betriebsleiterin fungiert, liegt der Haushalt trotzdem in ihrem Aufgabenbereich. Die Zuständigkeiten für Haushalt und Kinder liegen nach wie vor weitgehend bei den Frauen, egal ob sie nun als Betriebsleiterin bzw. Landwirtin oder als Bäuerin fungieren. Das allerdings - und das sei hier noch angefügt - ist keineswegs ein Bäuerliches Problem, sondern eines, das die gesamte Gesellschaft betrifft (z.B. TA: März 2018)

Nicht mehr wie früher

Aber das «Heimchen am Herd» ist nicht mehr die Gleiche wie noch vor 50 Jahren. Es scheint sich einiges bewegt zu haben in den letzten Jahrzehnten. Bäuerinnen treten selbstbewusster auf, fordern ihre Rechte ein und haben ihr Rollenspektrum erweitert. Die Individualisierung hat auch bei den Bauern Einzug gehalten. «Weder Frauen noch Männer gestalten ihre Biographien mehr nur nach den traditionellen Mustern», heisst es in der besagten Masterarbeit. Und weiter: «Als `traditionell` angesehene Rollenbilder werden wieder aufgeweicht». Dieselbe Studie kommt denn auch zum Schluss, dass sich insbesondere die Landwirtinnen «in ihrem beruflichen Selbstbild als Landwirtin von der als traditionell angesehenen Hausfrauenrolle distanzieren». Es ist ein Prozess, in dem wir stecken, der aber noch nicht abgeschlossen ist.

«Die Hierarchien sind heute besser verteilt»

Erika, 23-jährige Landwirtin

Immer mehr Landwirtinnen

Nicht zuletzt durch die technische Innovation wurde möglich, dass auch Frauen als Landwirtin einen Betrieb leiten, was früher aufgrund der körperlichen Anforderungen als schwierig galt. Während 1985 nur 1,6% der auszubildenden Landwirte EFZ Frauen waren, lag ihr Anteil 2016 bereits bei 13,7% (Masterarbeit UZH 2018). Trotzdem bewegt sich der Anteil der Frauen als Betriebsleiterinnen immer noch auf einem tiefen Niveau (LID.ch). Ebenfalls auffallend: Der Frauenanteil ist in ganz kleinen Betrieben am höchsten. Grossbetriebe werden grösstenteils von Männern geführt.

Doch auch in der Rolle der Bäuerin haben sich die Frauen neue Verantwortlichkeitsbereiche erschlossen und treten mit einem neuen Selbstbewusstsein auf. Die Bäuerin wird zunehmend gleichberechtigt, man diskutiert eher auf Augenhöhe. Erika, 23-jährige Landwirtin, meint: «Ich habe den Eindruck, dass die Hierarchien heute besser verteilt sind. Früher war ganz klar der Mann der Chef. Aber das kommt auch auf das Paar an. Je nachdem hat jeder seinen Bereich, den er leitet. Die Rollenverteilung wurde wieder flexibler.»

Marina Ender

Marina, 30, Bauerntochter aus Wald, frischverheiratet mit Bauer, arbeitet 80 % in der Kommunikationsabteilung beim Bauernverband Aargau

Bettina Egli

Bettina, 41, 3 Kids im Teenie-Alter, gelernte Kinderkrankenschwester, arbeitet zusätzlich 30 % auf dem Kindernotfall

Bäuerin mit Kühen

Kristina Rüegg 49, 3 (fast) erwachsene Kinder, gelernte Kleinkinderzieherin und Quereinsteiger-Bäuerin

Miriam Schneider

Miriam 37, 2 Jungs im Teenie-Alter, gelernte Gärtnerin und arbeitet noch 20 % als Landschaftsgärtnerin

Lydia Bächli

Lydia, 60+, Mama von 4 erwachsenen Kindern, ausgebildete Bäuerin und Konditorin, hat jahrelang selber angehende Bäuerinnen ausgebildet

Erika Tschümperlin

Erika, Mitte 20, Bauerntochter aus Schwyz, hat sich bewusst für die Ausbildung als Landwirtin entschieden und möchte künftig den elterlichen Bauernhof übernehmen

Bauernfrau, 38, 4 Kinder, Ausbildungen als Landwirtin wie auch als Bäuerin, arbeitet 30 % in der eigenen Hofbäckerei

Selber etwas bewirken können

Das liegt wohl auch daran, dass die Frauen heute besser ausgebildet sind als früher: «Wir haben eine Ausbildung, sind nicht mehr nur Anhängsel des Bauern. Wir sind junge, gut ausgebildete Frauen, die eben auch noch auswärts arbeiten. Wir haben heute mehr Mitspracherecht im Betrieb», sagt Bettina, Präsidentin des Bäuerinnenvereins Schlatt-Ämelsberg (SG).

Viele der interviewten Frauen arbeiten zusätzlich ausserhalb des Betriebs. Wenn Kinder da sind, eben in einem kleineren Pensum. Manche tun dies aus einer finanziellen Not heraus, manche auch einfach, weil sie «etwas für sich haben wollen».

Oder sie wirken als Unternehmerinnen eines eigenen Bereichs innerhalb des Betriebs, wie eine 37-jährigen Bäuerin (und ausgebildete Landwirtin) erzählt: «Ich habe den Beruf Uhrmacherin zu Gunsten des Betriebs aufgegeben, da es in dieser Konstellation nicht möglich war zu arbeiten. Heute arbeite ich ca. 30 % in meiner eigenen Hofbäckerei auf dem Betrieb.»

Einen eigenen Bereich zu haben, in dem man selbständig wirken kann, das ist sehr erfüllend. So ist es auch Lydia Bächli (60+) gegangen, die über Jahre junge Mädchen für die bäuerliche Haushaltslehre ausgebildet hat und für den Hofladen sowie die Direktvermarktung zuständig war: «Ich habe das sehr gerne gemacht. (…) Ich war kein Huscheli, sondern Unternehmerin. Jeder hatte halt seinen Bereich».

Der Spagat ist grösser geworden

Ob es strenger geworden ist? Die Anstrengung sei eine andere, lautet die häufigste Antwort. Körperlich ist es weniger anstrengend, dafür gilt es, eine externe Beschäftigung mit den Aufgaben auf dem Hof zu vereinbaren. Die Bürokratie hat zugenommen. Insgesamt ist die Komplexität gestiegen, der Spagat ist grösser.

Obige Bäuerin erwähnt auch: «Da ich meistens nachts in der Bäckerei und den Tag durch normal mit auf dem Hof arbeite, gibt es schon Tage, an denen es sehr anstrengend ist. Aber ich habe mich daran gewöhnt».

Miriam, Bäuerin aus Kandersteg, sagt klipp und klar: «Die Doppelbelastung ist ein Riesenspagat. Ich arbeite ja auf dem Betrieb mehr als 100% und gehe noch 20% als Landschaftsgärtnerin arbeiten. Da bleibt zu Hause viel liegen».

«Meine Mama hätte sich nie getraut, den Garten einfach nicht zu machen»

Marina, 30 Jahre alt

Doch die Erwartungen daran, was man im Betrieb leistet, haben sich auch verändert. Die 30-jährige Marina aus dem Aargau sagt: «Es wird schon immer noch viel gearbeitet. Aber man grenzt sich heute besser ab. Man nimmt sich - auch als Frau - viel eher raus aus dem Betrieb. Ich will zum Beispiel gar nicht mehr lernen zu melken. Ich habe genug anderes. (…) Die Erwartungshaltung an die Bäuerin ist heute auch nicht mehr die gleiche. Mein Mann sagt immer: Wenn du willst, ist deine Hilfe sehr willkommen, aber du musst nicht. (…) oder der Garten. Da darf ich heute auch einfach mal sagen, da mache ich jetzt nichts Besonderes. Meine Mama hätte sich nie getraut, den einfach nicht zu machen.

Der Vereinbarkeit des Bauerndaseins mit Familie oder externer Berufstätigkeit und der damit verbundenen Doppelbelastung widmen wir den nächsten Teil unserer Serie.

Doch die Befindlichkeit hängt ja nicht nur mit der Arbeitsbelastung zusammen, sondern auch mit der dafür empfundenen Wertschätzung.

Wertschätzung familienabhängig

Kriegen diese Frauen genügend Wertschätzung für ihre Arbeit? Sei es von Seiten der Gesellschaft oder von ihren Männern und Familien - die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus. Lydia gehört zu den Glücklichen: «Wertschätzung ist sehr wichtig, die kriege ich von meinem Mann auch heute noch».

«Ich glaube, den Bäuerinnen wird mehr Wertschätzung entgegengebracht als anderen Frauen, die «nur» zuhause sind. Das finde ich aber auch schade. Es ist eine Arbeit, die sehr unterschätzt wird», meint Marina, die selber 80 % auswärts arbeitet. Auch Erika findet: «In meinem Umfeld definitiv schon. Aber es gibt schon auch Familien, in denen die Frauen über zu wenig Wertschätzung klagen. Zum Beispiel auch von Seiten der Schwiegereltern. Dass Leute mit Vorwürfen konfrontiert werden, man habe früher dieses oder jenes mehr oder anders gemacht….»

«Bewusst mal ein Danke oder so, das kommt nicht»

Kristina, 49 Jahre

Etwas anders klingt es von Kristina aus dem Zürcher Oberland: «Von meinem Mann eher nicht, nein. Bewusst mal ein Danke oder so, das kommt nicht. Wenn ich ihn drauf anspreche, dann sagt er nur: Ja du sagst mir ja auch nicht danke. Aber von den Leuten im Dorf schon. Da kam oft mal ein Lob für meinen schönen Garten (…) Das Ansehen vom ganzen Berufsstand müsste sich ändern. Die Akzeptanz ist in der gesamten Gesellschaft nicht so gross.»

Eine weitere Bäuerin, die lieber anonym bleiben möchte, äussert sich so: «Ganz klar nein. Von beiden nicht (Männer und Gesellschaft). In der Öffentlichkeit werde ich oft auf meinen fleissigen Mann angesprochen. Er ist derjenige, den man viel unterwegs sieht mit dem Traktor, auf dem Feld etc. Ich höre oft heraus, ich sei ja „nur“ Mami, ich bin ja sowieso zu Hause. Auch die Nachtarbeit wird nicht gesehen. Mein Mann sieht am Ende, was er auf dem Feld geleistet hat und diese Bestätigung für Hausarbeit etc. fehlt mir sehr.»

Wertschätzung weder finanziell noch rechtlich abgebildet

Dies scheint etwas anders zu sein bei Frauen, die als Landwirtin ausgebildet sind und auf diesem Beruf auch arbeiten: «Den Respekt unter den Männern habe ich mir hart erarbeitet, mit guten Leistungen und Hilfsbereitschaft. Als Landwirtin fühlte ich mich auch immer wohler oder geschätzter als das beim Beruf der Bäuerin der Fall ist», lautet eine Aussage.

Die Wertschätzung sei schon da. Und es habe sich auch einiges getan in dem Bereich, meinen zwei andere: «Wir haben in der Gesellschaft eine sehr grosse Wertschätzung, vor allem auf dem Land. Bis zu einem gewissen Punkt. Sobald es aber um die Absicherung in Form von Geld geht, haben wir keine Wertschätzung mehr, da kommt dann sehr schnell das Argument, man vermöge es nicht. Aber das ist für mich kein Argument. Ich finde, Bäuerinnen sollten einen Lohn bekommen», findet Bettina.

«Sobald es aber um die Absicherung in Form von Geld geht, haben wir keine Wertschätzung mehr»

Bettina, Präsidentin des Bäuerinnenvereins Schlatt-Ämelsberg (SG)

So ähnlich klingt es auch bei Miriam: «Das Bild der Bauernfrau hat sich für mich so geändert, dass ich auch Chef bin, einfach nicht offiziell. Ich denke in vielen Betrieben ist es die Frau, die die Entscheidungen fällt und Anstösse für Veränderungen in die Hand nimmt. Ich bin auf der gleichen Ebene wie mein Mann, nur nicht rechtlich. Da haben wir noch immer das Steinzeitmodell.»

Insgesamt zufrieden

Trotz der grossen Belastung und der manchmal mangelnden Wertschätzung scheinen die Frauen insgesamt zufrieden zu sein. Die meisten Bäuerinnen mögen ihren Beruf. Gemäss dem Bericht «Frauen in der Schweizer Landwirtschaft», einer 2012 durchgeführten Studie des Bundesamts für Landwirtschaft Agrocscope, bezeichnen sich über die Hälfte der Frauen als «mehrheitlich zufrieden mit ihrem Leben». Das deckt sich auch mit den Äusserungen, die ich in den Interviews erfahren habe.

«Klar wäre ich gern manchmal wo anders gewesen»

Lydia, Bauernfrau, 60+

Wenn die Bäuerinnen etwas an ihrer Situation ändern könnten, scheint die mangelnde Freiheit an oberster Stelle zu stehen, gar nicht die mangelnde Wertschätzung oder die ungleiche Behandlung. Aber das Wetter, die Abhängigkeit vom Betrieb: Zu oft kann man wegen der Tiere nicht verreisen, muss seine Freizeit nach dem Wetter richten und das wiederum ist nicht planbar.

Lydia meint: «Klar wäre ich gern manchmal wo anders gewesen. Ich hatte Fernweh. Und was ich vermisst habe waren freie Tage für mich selbst». «Mal mit dem Mann richtig in die Ferien gehen zu können, mit Übernachtung», das wünschten sich unsere Bäuerinnen. Oder «weniger abhängiger vom Wetter zu sein, damit die Kinder an einem heissen Nachmittag auch mal in die Badi kämen, anstatt mit den Eltern heuen zu müssen.»

 

In Teil 3 dieser Serie steht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei den Bäuerinnen und Landwirtinnen im Fokus...

Zu Teil 1 - Das Bild der Bäuerinnen von aussen

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie liebt schöne Texte und hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet (Zum Portrait).

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