Kalb am Saugen by Anthony Scalon
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Das Vegetarier-Dilemma

Auch wer «nur» Milch trinkt hat Tiere auf dem Gewissen. Ja aber Moment mal. Was soll denn das jetzt? Ich bringe ja keine Tiere um, wenn ich Milch trinke, oder?

Nicht direkt. Aber: Wie wir bereits in einem Artikel (FAIRE MILCH) erklärt haben, geben nur Kühe Milch, die erst gerade ein Kälbchen geboren haben. Wenn man die Milch lieber für den Menschen abzweigt, bedeutet das, dass das Kälbchen und sein Bedürfnis nach Milch unserem Bedürfnis nach Milch «im Weg» ist. Also muss es weg.

Wie gross ist also meine «moralische Schuld», die ich mir auflade, wenn ich einen Liter Milch trinke? Eine Frage, die schlussendlich jeder für sich entscheiden muss. Doch dafür muss man verstehen, wie die Milchproduktion funktioniert. Wir versuchen hier, euch die Fakten auf den Tisch zu legen.

Allerdings müssen wir hierfür etwas ausholen…

300 Tage Milch bis zum nächsten Kalb

Wer im grossen Stil Milch produziert, ist darauf angewiesen, seine Kälbchen verkaufen zu können. Sei es an den Schlachthof oder zur weiteren Zucht. Ungefähr 1/3 werden in der Regel «nachgenommen», das heisst zur weiteren Milchproduktion verwendet. Dies geht nur mit den weiblichen Kälbern, die sich dafür eignen. Alle anderen Kälber, also Weibchen, die keine guten Gene haben und sämtliche männlichen Kälber werden 4 bis 5 Monate bis zum Schlachtgewicht weitergezüchtet und enden dann als Kalbskoteletten oder -plätzli.

Nach der Geburt gibt eine Kuh noch gut 300 Tage Milch, danach würde die Milchleistung nachlassen. Der Milch produzierende Bauer ist also darum besorgt, dass der Kreislauf nahtlos weitergeht. Bereits 2 Monate nach der Geburt des Kalbs wird die Kuh neu besamt und kriegt nach ca. 9 Monaten erneut ein Kalb. Damit sie genügend Kräfte sammeln kann, um weiter gute Milch produzieren zu können, wird ihr 2 Monate vor der Geburt des neuen Kalbs eine Melkpause gewährt.

Danach geht’s wieder von vorne los. Diesen Zyklus macht die Kuh ca. 3- bis 6-mal mit, danach ist sie salopp gesagt «verbraucht». Die Empfängnis klappt nicht mehr, oder die Milchleistung sinkt unter die vom Betrieb als Ziel gesetzte Menge (welche sehr unterschiedlich sein kann).

Auch für diese Milchkuh geht’s jetzt ab auf die Schlachtbank. Aus ihr wird vor allem Hackfleisch hergestellt.

Das Dilemma des Vegetariers

Der Vegetarier möchte durch seinen Fleischverzicht den Tod von Tieren vermeiden, und doch trifft ihn eine gewisse «moralische Schuld», wenn er Milch und Milchprodukte konsumiert. Diese «moralische Schuld» zu berechnen mag zynisch anmuten. Trotzdem wollen wir das Gedankenexperiment versuchen. Unser Beispiel ist nur eine grobe Annäherung an die Realität. Wir gehen von folgenden Zahlen aus:

Eine Kuh, die ca. 25 Liter pro Tag liefert und dies 300 Tage lang, für 4 Jahre, produziert in ihrem Leben 30'000 Liter Milch. Dafür müssen 3 ihrer 4 Kälber das Leben lassen. Das vierte Kalb wird wieder in die Milchproduktion «nachgenommen» und stirbt später, wird aber hier nicht mitgezählt. Also 4 Kuhleben für 30'000 Liter Milch, macht ein Kuhleben für 7500 Liter Milch.

14 Liter Milch pro Woche

Ich trinke ca. 2 Liter Trinkmilch die Woche und das 52 Wochen pro Jahr. Aber: Was ich an Butter, Käse und Rahm so konsumiere, haut noch viel mehr rein. Zu den 2 Litern Milch pro Woche kommen jetzt noch 125 Gramm Butter (24 Liter pro Kilo, macht plus 3 Liter), 500 Gramm Hartkäse (13 Liter pro Kilo, macht plus 7,5 Liter) und 2 dl Rahm (7 Liter pro Kilo, macht plus 1,5 Liter). Insgesamt beträgt mein wöchentlicher Milch-Konsum also 14 Liter. Damit komme ich auf 728 Liter Milch pro Jahr. In einem Kuhleben haben 7500 Liter Milch Platz. Also verursache ich rund alle 10 Jahre ich durch meinen Milchkonsum den Tod einer Kuh oder eines Kälbchens.

Soviel zu meiner «moralischen Schuld». Ich bin überrascht, ich hatte angenommen, es sei schlimmer. Ob ich weiter damit leben kann ist eine andere Frage. Der Punkt ist, dass fast alle Schweizer Milch konsumieren (gemäss swissveg leben nur 3% der Bevölkerung vegan).

Fleisch und Milchkonsum im Gleichgewicht?

Aber: Deckt sich mein Milchkonsum auch mit meinem Fleischkonsum? Denn wer Milch trinken will, sollte auch Fleisch essen, sonst verursachen wir einen nicht geschlossenen Kreislauf. Im extremsten Fall wäre die Folge eines Verzichts auf Fleisch aber nicht auf Milchprodukte, dass Kälber entsorgt werden, die nicht gegessen werden, weil alle Vegetarier geworden sind. Eine Vorstellung, die glaube ich niemand sonderlich lässig findet.

Schaffe ich es also, das durch meinen Milchkonsum generierte Fleisch auch zu essen? Meine erste Einschätzung: Wohl kaum. Ich gehöre zu den Flexitariern. Wenn ich Fleisch esse, dann eher Poulet, Fisch oder Schweinefleisch. Kälbli und Lämmli kriege ich seit der Geburt meiner Kinder (voll sentimental, ich weiss) nicht mehr runter. Hackfleisch geht noch. Komplett inkonsequent, auch das ist mir bewusst.

Die folgende Rechnung ist sehr grob und bestimmt nicht wissenschaftlich korrekt. Wagen wir trotzdem das Gedankenspiel:

Nehmen wir meinen gesamten Fleischkonsum (mit Fisch und Vogel), der beträgt pro Woche vielleicht 150 Gramm im Schnitt. Also 7,8 kg Fleisch pro Jahr. Innert 10 Jahren esse ich also ungefähr 78 kg Fleisch. Und mein Milchkonsum entspricht einem Kälbchen in 10 Jahren. Und ein Kälbchen liefert ca. 84 Kilogramm reines Fleisch (ohne Knochen und Innereien etc., danke an den aufmerksamen Leser für die erfolgte Korrektur!). Ich esse also etwas zu wenig Fleisch, um meinen Milchkonsum abzudecken. Allerdings ist ja ein wesentlicher Teil meines Fleischkonsums eher beim Poulet und Fisch angesiedelt, das bedeutet, ich esse definitiv nicht die Menge an Kalbfleisch, die ich sollte, wenn ich meinem Milchkonsum gerecht werden möchte.

Und damit sind wir bei einem weiteren Thema: Denn nur ein Teil unseres Fleischkonsums besteht in Kälbern von der Milchproduktion. Zur Deckung unseres Fleischbedarfs gibt es ja parallel noch Betriebe, die ausschliesslich Rindfleisch produzieren. Wollte man konsequent auf die Schliessung des Milch-Fleisch-Kreislaufs achten, so dürfte man ausschliesslich Kalbfleisch aus der Milchproduktion verzehren. Oder umgekehrt: Will man weiterhin Milchprodukte konsumieren und den Kreislauf geschlossen halten, muss man Kalbfleisch essen.

50 kg Fleisch pro Jahr im Schnitt

Der Fleischkonsum des Durchschnittsschweizers liegt aber bedeutend höher, nämlich bei 50 kg pro Jahr. Das ist rund sechs Mal mehr Fleisch, als ich esse.

Die 2017 durchschnittlich konsumierte Menge an Milchprodukten lag allerdings bei knapp einem Liter Trinkmilch, 150 Gramm Rahm, 100 Gramm Butter und 403 Gramm Käse pro Woche. Macht umgerechnet total 9,7 Liter Milch. Hinzu kommen noch 0,3 Liter Milch für Joghurt (bei mir weggelassen, weil ich sehr selten Joghurt esse). Also sind wir bei 10 Litern Milch pro Woche. Das ist sogar etwas weniger Milch als ich pro Woche konsumiere. Der Durchschnittsschweizer konsumiert also niemals genügend Milchprodukte, um seinen Fleischkonsum zu decken…

Das Dilemma des Vegetariers besteht nun darin, dass er zwar Milchprodukte konsumiert, aber die Kälbchen, die bei der Milchproduktion «anfallen» nicht isst. Konsequenterweise müsste man also komplett vegan leben, oder aber Milchprodukte UND Fleisch essen, allerdings nur jenes, das als Nebenprodukt der Milchproduktion anfällt. Wobei - wenn man bedenkt, dass die Schweizer ohnehin eher zu viel Fleisch essen dafür, was sie an Milch konsumieren, wirken die Vegetarier mit ihrem Konsumverhalten wohl eher ausgleichend auf den Gesamtkreislauf.

Wie steht ihr zu dem Thema? Stehen euer Milch- und Fleischkonsum in einem guten Verhältnis?

 

Passend dazu, der Kassensturz Bericht vom 27. August 2019:

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
6 Kommentare zu “Das Vegetarier-Dilemma”
    Mon

    Sehr spannender Artikel - hab's mir schon häufiger überlegt aber nie durchgerechnet! (und auch die Erfahrung gemacht, dass Vegis sehr gereizt auf die Frage "wie konsequent sind Vegetarier" reagiert haben...)

    Antworten
    Valérie Sauter

    Danke für deine Rückmeldung. Die Rechnung ist wie gesagt seeehr grob. Um es genau auszurechnen, müsste mal ein Wissenschaftler dahinter. Aber ja, das ist definitiv ein heisses Thema. Aber wir finden, es darf nicht verboten sein, über etwas nachzudenken...

    Antworten
    Dominik Scheibler

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Hier ein kurze Übersicht und ein paar weitere Überlegungen:
    Pro Kuhleben werden also im Schnitt 7500 Liter Milch produziert. Der Milchkonsum des Duchschnittschweizers beträgt 10 l/Woche = 520 l pro Jahr. Das heisst, alle 14,4 Jahre stirb ein Kalb oder Kuh auf Grund des Milchkonsums von jedem Schweizer. Ein Kälbchen liefert, wie erwähnt, ca. 84 Kilogramm reines Fleisch (ohne Knochen und Innereien) eine Kuh mit 500 kg Gewicht ca. das doppelte(?) also ca. 168 kg. Das Verhältnis Kalb zu Kuh ist also etwa 3:1 = 3 *84kg + 168 kg = 420 Kg in (14,4 *4 Jahren) 57,6 Jahren. Pro Person und Jahr stünden also auf Grund der Schweizer Milchproduktion (420 kg /57,6 Jahre) 7,3 kg Fleisch zur Verfügung. Davon 3/5 (resp. 4,4 kg) Kalbfleisch und 2/5 (resp. 2,9 kg) Hackfleisch. Der durchschnittliche Fleischkonsum in der Schweiz beträgt aber über 50 kg/Person und Jahr.
    Dies bedeutet, dass eine nachhaltige Ernährung aus Schweizer-(Milch-)Produktion maximal 140 g Kalb- und Hackfleisch und maximal 10 l Milch pro Woche einschliessen. Diesen Wert erreiche ich persönlich wohl insgesamt ziemlich genau obwohl mein Hackfleischanteil viel höher ist als der Kalbfleischanteil.
    Das Ganze zeigt, dass das theoretische Vegetarier Dilemma keines ist, solange der Durschnittsschweizer die zehnfache Menge an Fleisch verdaut als aus der Milchwirtschaft zur Verfügung steht. Das Fleisch aus der Milchproduktion der Vegetarier wird locker verputzt. Aber es wäre doch ein schönes Ziel für die Schweizer Bevölkerung den Fleischkonsum auf ein nachhaltiges Niveau von ca. 150 g pro Woche zu senken. Gesünder wäre es sowieso!
    Für eine nachhaltige Ernährung sind aber noch andere Faktoren wichtig als nur die Menge! Es sollte zum Beispiel darauf geachtet werden, dass die Milchprodukte und das Fleisch ausschliesslich graslandbasiert (möglichst ohne Zufütterung von Getreide/Mais) produziert wird (zum Beispiel IP-Wiesenmilch im Denner). Ebenfalls sollte dieses Gras nur auf nicht ackerfähigen Böden produziert werden das heisst im Voralpen oder Alpenraum und kaum im Mittelland. (Auf ackerfähigem Boden sollen schliessliche Jucker-Kürbis und –Spargel gedeihen :-) Der Verzicht auf Zufütterung ist wichtig zur Vermeidung der Konkurrenzierung der Ackerflächen in der Schweiz und weltweit bishin zur Vermeidung von Brandrodung im Regenwald für Futtermittelanbau. Der Futtermittelimport muss ausserdem primär als Dünger angesehen werden, da die meisten Nährstoffe von der Kuh nicht verwertet werden und dann in der ganzen Landschaft per Wind und Wasser verfrachtet werden. Dies verursacht enorme Schäden am Wald, in Gewässern und Naturschutzgebieten. Nur es gibt kein einziger Detailhändler, der auf solche Kriterien achtet...

    Antworten
    Valérie Sauter

    Lieber Dominik. Vielen Dank für deine umfassenden Ausführungen. Ja, das mit dem Vegetarier-Dilemma stimmt, zu diesem Schluss kommt ja auch unser Artikel. Aktuell besteht es nicht, weil die Leute ohnehin (noch) zu viel Fleisch essen im Vergleich zur Milchproduktion. Und klar: Das war nur ein Aspekt einer nachhaltigen Ernährung. Zur ganzen Landnutzungsgeschichte könnte man natürlich weitere Artikel schreiben. Wir nehmen das mal als Input entgegen ;-). Was nicht ist, kann ja noch werden.

    Antworten
    Rahel

    Liebe Valerie,
    ich finde die Berechnungen interessant. Allerdings hast Du nicht mit der Verschwendung durch die Lebensmittelindustrie die Grossverteiler und Konsumenten gerechnet. Würde die Milch den direkten Weg zum Konsumenten nehmen und auch die Milchprodukte, die man häufig selber auch in besserer Qualität herstellen kann (ausgenommen Käse) nicht industriell produziert werden, könnten die Kühe auch ein besseres Leben haben. Ausserdem muss man dem Kalb auch nicht die gesamte Milch wegnehmen. In vielen unterentwickelten Ländern bleibt das Kalb bei der Mutter und nur ein Teil wird gemolken. Es ist nur unsere Gier, die das Leid verursacht. Es war über Jahrhunderte möglich, in guter Gemeinschaft mit Nutztieren zusammenzuleben, so dass beide Seiten einigermassen profitierten und ein würdiges leben hatten. Die Tiere vom Schutz, den die Menschen ihnen boten, die Menschen von den Tierprodukten.Wie man in Indien sieht, ist es nicht mal nötig, die Kühe zu essen. Allerdings haben das früher auch Raubtiere erledigt, denn in der Natur gehört auch das gefressen werden zu einem gesunden Gleichgewicht, machen wir uns da nichts vor. Bis etwa vor 30 Jahren hielt sich die Viehnutzung noch in einem vertretbaren Rahmen, dann ist es eskaliert. Wir brauchen vor allem vernünftige Lösungen um Verschwendung zu vermeiden und Regelungen, die den Bauern faire Preise gewähren und nicht die reichen Investoren immer reicher machen. Da sehe ich die grössten Verursacher von Tierleid, nicht bei den Vegetariern.

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Rahel. Vielen Dank für deine Gedanken. Da bin ich zu 100% bei dir. Die Industrialisierung und der damit verbundene Preiskampf in der Tierproduktion ist der Hauptverursacher von Tierleid. Nur haben es solche Konzepte unheimlich schwierig in dem Markt. Wir möchten hier auf FarmTicker auf solche Zusammenhänge hinweisen, um einen Teil zur Diskussion beizutragen und Veränderungen anzuregen. Wir sind froh, haben wir so engagierte und mitdenkende Leserinnen wie dich!

    Antworten

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