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Und wer erntet jetzt die Spargeln?

Die Corona-Welle überrollt die Schweiz, die Grenzen werden dicht gemacht, das öffentliche Leben so weit wie nur möglich runtergefahren.

Nur jemanden interessiert die ganze Situation nicht: Die Spargeln auf dem Feld in Rafz. Die letzten Tage waren warm und sonnig - weitere Traumtage folgen. Und bei sonnigen Bedingungen kann der Spargelsaison-Start schnell kommen, wie wir im Artikel «Was bestimmt den Start der Spargelsaison» gesehen haben. «Wenn es weiter so sonnig ist, beginnen wir nächste Woche mit der Ernte und haben die Spargeln gegen Anfang April im Verkauf», erklärt Sven Studer, Leiter des Rafzer Spargelhofs.

Gerade jetzt, wo wir den Gastronomie- und Eventbereich so stark herunterfahren mussten, ist eine erfolgreiche Spargelsaison essentiell für Jucker Farm.

Knapp halb so viele Leute wie nötig

Normalerweise würde uns der Spargelstart sehr freuen. Doch die gegenwärtige Lage bringt den Spargelhof in Bedrängnis. Denn die Spargeln kommen - aber die Erntehelfer, sind noch nicht alle da. Normalerweise können wir die Saison nur mit Hilfe von Erntehelfern aus Osteuropa bewältigen. Die Erntearbeit ist eine sehr intensive Arbeit, für einen verhältnismässig tiefen Lohn. Hierfür genügend fähige Leute aus dem Inland zu rekrutieren ist unmöglich. Deshalb arbeiten viele Saisoniers aus dem Ausland auf Schweizer Bauernhöfen. Wir arbeiten seit Jahren mit den selben Saisoniers zusammen, sie gehören zur Jucker-Familie wie alle anderen Mitarbeitenden auch. Ausserdem sind das richtige Profis, mit viel Erfahrung. «Aktuell sind 30 Personen vor Ort. Um die Saison gut bewältigen zu können, bräuchte es eigentlich 80 Personen, mit 65 bis 70 Leuten ist es gerade so knapp machbar», sagt Studer. Er sei bestrebt, möglichst viele Leute in die Schweiz zu holen, damit die Arbeit gemacht wird. Denn den Spargeln ist es egal, sie wachsen sowieso.

Aktuell dürfen Leute, die in der Schweiz für einen Job gebraucht werden, noch einreisen. Wer weiss, wie lange noch. Deshalb ist man bestrebt, die Leute jetzt so schnell wie möglich einreisen zu lassen. «Wir stellen laufend Bescheinigungen aus, damit diese Leute noch reinkommen», sagt Sven Studer. Dabei sind es nicht nur Erntehelfer, sondern auch Logistiker, die die Spargeln dann auch an verschiedenste Kunden ausfahren müssen.

Büroteam auf’s Spargelfeld?

Die Schweiz ist aktuell mit 272 Infizierten pro Million Einwohner hinter Italien das meistbetroffene Land der Welt . Wollen die Saisoniers denn überhaupt noch einreisen, oder hat Studer Mühe, sie zu überzeugen? «Nein gar nicht, sie sind immer noch froh, wenn sie Arbeiten kommen können», sagt er. Trotzdem: Was, wenn er es nicht schafft, genügend Leute zur Saison hier zu haben?

Diesen Job kann nicht einfach "irgendwer" übernehmen. Denn Spargelstechen erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl und Übung. Das weiss jeder, der sich schon mal am Stechen von weissen Spargeln versucht hat. Denn dies geschieht «blind», ohne dass man die komplette Spargelstange sieht. Und eine frisch gestochene Spargelstange ist wahnsinnig zerbrechlich. Es braucht viel Erfahrung, um die Spargelstangen tadellos ernten zu können. Kollateralschäden wären bei Erntelaien vorprogrammiert, die Qualität der geernteten Spargeln würde leiden.

Andererseits - wenn sie raus müssen, müssen sie raus. Spargeln wachsen unweigerlich weiter. Und wenn sie ans Tageslicht kommen, verfärben sie sich. Gerade weisse Spargeln können dann nicht mehr als Qualitätsware verkauft werden.

Genügend Abstand auf dem Feld

Einen Vorteil hat die Arbeit auf dem Feld: Es ist hier einfacher, den Sicherheitsabstand von mindestens 2 Metern zwischen den Mitarbeitern zu wahren. Auch im Rüstungs- und Abpackbereich sei das, gemäss Studer, momentan noch kein Problem. Während der Saison wird es jedoch auch da enger. Hier ist man dabei, entsprechende Konzepte auszuarbeiten. «Wir werden schauen, dass die Leute in Schichten arbeiten und immer gleiche Wohngruppen zusammenarbeiten, dass sie sich im Falle eines Falles nicht untereinander anstecken könnten.» Die Erntehelfer von Jucker Farm sind in Gruppen von 4 bis 20 Leuten in 5 verschiedenen Liegenschaften untergebracht. Zudem gibt es noch ca. 16 weitere Personen, die in eigenen Mietwohnungen leben.

Zudem sei man dabei, ein Reinigungs- und Hygienekonzept für diese Mitarbeiterunterkünfte zu erstellen, um auch da die hygienische Sicherheit gewährleisten zu können.

Keine besonderen Vorschriften in der Produktion

Ansonsten gelten in der Produktion von Lebensmitteln die üblichen Hygienevorschriften. Aktuell geht der Schweizerische Verband der Gemüseproduzenten davon aus, dass diese bereits ausreichend zum Schutz vor der Verbreitung des Coronavirus sind.

Update 24.03.2020: Viele Schweizer Landwirtschaftsbetriebe suchen aktuell nach Erntehelfern. Deshalb hat Jucker Farm Gründer und Inhaber Martin Jucker kurzerhand verschiedene Gastronomievertreter, Landwirtschaftsverbände und den Personalvermittler COOPLE zusammengetrommelt und eine Zusammenarbeit auf die Beine gestellt. Die Idee ist simpel: Statt wie üblich Menschen in Gastrounternehmen zu vermitteln, vermittelt COOPLE jetzt Menschen an Bauernhöfe, die Erntehelfer suchen. Die Lohndifferenz ist der grösste Knackpunkt, dazu wurde das SECO bereits angefragt. Bis jetzt lässt die Antwort auf sich warten (zur Medienmitteilung).

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Da dieser Artikel zu viel Diskussionen geführt hat, haben wir in einem weiteren FarmTicker-Artikel die dringendsten Fragen zu Erntehelfern, Löhnen usw. beantwortet:

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
7 Kommentare zu “Und wer erntet jetzt die Spargeln?”
    Kris

    Hallo liebe Juckerfarm

    Momentan können unzählige Leute nicht arbeiten, sei es weil sie Coiffeure oder Tattowierer sind, oder sonst was. Allenfalls wäre es möglich einige für die Spargelernte über soziale Medien zu begeistern? Unter Einhaltung der Hygienevorschriften und allenfalls gestaffelt natürlich.

    Alles Gute!

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Kris. Danke für deine Idee. Hier geht es gerade drunter und drüber. Wir schauen gerade von Tag zu Tag wie wir uns organisieren. Ernsthaft interessierte Leute können sich bei https://go.coople.com/obst-und-gemuese melden.

    Antworten
    Sandy

    Ich versuche mich mal in Worte zu fassen….

    Vielleicht ist meine Idee total doof und ich bin auch nur indirekt betroffen, aber ich erzähl sie euch mal. Ich bin Berufsschullherer und in 2 Kantonen angestellt. Mein ältester von 3 Söhnen (ich bin übrigens alleinerziehend, also ganz lässig im Moment) macht eine Lehre als Detailhandelsfachmann Sport. Sein Betrieb ist ein kleiner Betrieb mit einer etwas grösseren Filiale in Rümlang und einem 1Mann Betrieb in Uznach SG plus mein Sohn als Lernender. In Rümlang arbeiten ca 10 Personen. Der Chef würde es zwar nie zugeben, aber zerbricht wahrscheinlich fast vor Existenzsorgen…. Ich werde ihm heute anbieten, dass er meinem Sohn den Lehrlingslohn bis auf die Sozialleistungen nicht mehr zahlen muss bis alles vorbei ist. Mein Vorschlag für ihn ist auch, dass er seine Mitarbeiter bittet allenfalls andere Jobs anzunehmen um wenigstens einen Teil ihres Einkommens selber übernehmen zu können. So viele Erdbeeri-Bauern, Brack, die Post, die Grundversorgung, die Gesundheitsversorgung braucht dringend Leute aus der NICHT-Risikogruppe die Arbeiten können. Und die können auch Löhne zahlen.

    Ich glaube für Chefs ist es unglaublich schwierig diesen Schritt zu machen, weil sie sich schämen nicht mehr selber die Löhne sichern zu können, vielleicht noch gegen das Falsche kämpfen. Aber wie wäre es, wenn wir die Schweizerinnen und Schweizer die bei einem Kleinunternehmen angestellt sind und nicht mehr arbeiten können aufrufen würden selber auf ihren Chef/ihre Chefin zuzugehen und ihnen das anzubieten. Vielleicht gibt es sie dann nach der Krise noch und sie können wir anfangen und aufbauen. Es wäre schön wenn solidarisiert werden würde und ich glaube ganz viele würden das machen. Es können nicht alle Kurzarbeit anmelden und die Kleinstunternehmen wie Coiffure, Kosmetik, kleine Sportläden usw trifft es am Härtesten.
    Auch Eltern die Söhne und Töchter in solchen Lehrbetrieben haben, kümmern sich ja sowieso um die Grundversorgung. Ja der Teenie kann im Moment auch nicht bei Zalando usw shoppen, aber ich glaube da würden wir hinkriegen. Keine Berge versetzen, aber den Schaden begrenzen und den Kleinen die Chance geben zu überleben…

    Ach und ich habe noch viel mehr Ideen. Wenn Immobilienfirmen die Möglichkeit haben, den kleinen Geschäften die Miete erlassen könnten würde das auch helfen. Wenn junge single-Personen in Spitälern anrufen würden und dort Arzt oder Pflegefamilien anbieten würden, bei ihnen einzuziehen und die Kinder zu beaufsichtigen. Wären wieder Kinder weg von der Fremdbetreuung, eine weitere Existenz wäre gesichert, eine Lohnzahlung für eine Person fällt weg und wenn diese Arztfamilie dieser Person noch einen Teil an die Miete zuhause geben kann, umso besser…

    Ich glaube die Versicherungsgrundlagen und Arbeitsrechtliche Situation müssten in einer Ausserordentlichen Lage mit einem Vertrag zwischen zwei Parteien einfach und unbürokratisch gelöst werden können.

    Mir schweben einfache Verträge zwischen den Parteien vor, due man runterladen und verwenden kann. Ich bräuchte wie einen Abnehmerbetrieb um das ganze mit diesem sportgeschäft zb mal probieren zu können.
    Falls die Quarantäne Kommt, gehört ihr zur Grundversorgung oder? Das wäre natürlich die Bedingung.

    Lg Sandy

    Antworten
    Valérie Sauter

    Lieber Sandy, vielen Dank für deine Nachricht. Wie ich mitbekommen habe, wurde dir von Sven bereits geantwortet. Alles Gute!

    Antworten
    Alex

    Sind nun Erntehelfer gesucht? Wenn ja würde ich mich gerne melden. Bin Köchin und suche eine Körperliche tätigkeit im freien.
    Liebe Grüsse

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Alex, wir haben mittlerweile zum Glück genügend Leute. Aber es gibt eine Kooperation mit Coople, die Erntehelfer aus der Gastronomie vermittelt!

    Antworten
    Vasilis

    Hallo
    Ich heiss Vasilis bin Grieche und könnte auch arbeiten ernten
    Ich arbeite normal in der Gastronomie aber jetzt ist alles zu wegen Coronavirus-Fälle !!

    Antworten

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