Zu Jucker Farm
von Nadine

Die Krux mit dem Mehrwegglas

Von der Kürbissuppe über die Konfitüre bis zum Haferdrink – wir füllen praktisch alle unsere hausgemachten Produkte in Glasverpackungen ab. Einerseits sind wir für andere Abfüllungen in der HofManufaktur nicht ausgerüstet, zweitens sieht es chicer aus und drittens ist es nachhaltiger. Der dritte Punkt ist jedoch umstritten.

Ist Glas nachhaltiger als Plastik?

Jein; Glas braucht mehr Energie bei der Herstellung und ist schwerer im Transport… Aber der grosse Vorteil von Glas ist, dass es «inert» ist. Das bedeutet, dass Glas nicht mit dem Inhalt reagiert. Bei Plastik oder PET können sich Mikroplastik und andere Stoffe mit dem Inhalt mischen. Bei Glas ist das nicht der Fall.

In der Schweiz wird Altglas gesammelt und rezykliert. Die Verwertungsquote liegt laut vetroswiss.ch bei 99% - somit ist die Schweiz Weltmeisterin im Glas-Recycling. Noch besser wäre jedoch, wenn nicht Einweg-, sondern Mehrwegglas verwendet werden würde. Denn je häufiger man Glas wieder befüllt, desto besser wird dessen Ökobilanz. Wir haben’s probiert (Her mit den Gläsern), sind aber bis jetzt gescheitert. Denn das Ganze ist nicht ganz so einfach, wie es klingt…

Glas-Recycling
Warum nicht einfach auf Mehrwegglas umsteigen, waschen und wieder auffüllen?

Die Herausforderungen

Doch was ist daran so schwierig? Glas in die Abwaschmaschine und zägg alles gut? Leider gibt es ein paar Hürden, die es zu überwinden gibt. Dazu habe ich mit Nik Fehlmann aus der HofManufaktur gesprochen. Er hat das Projekt Gläserwaschen in einer Semesterarbeit im Rahmen seiner Weiterbildung zum Techniker HF Lebensmitteltechnologie erarbeitet.

Nik, warum ist es denn so eine Herausforderung, Gläser zurückzunehmen und zu reinigen?

Es fängt beim Zurücknehmen an – laut unserem Bierproduzenten Euelbräu, der Bierflaschen zurücknimmt, reinigt und wieder befüllt, werden nur rund 60% der Gläser wirklich zurückgebracht. Der Rest landet im Altglas. Das wäre aber sicherlich durch gute Kommunikation, einem Depot oder ähnlichem lösbar.

Sind die Gläser mal gesammelt, müssen sie gelagert und dann zu uns nach Jona geführt werden. Das sind logistische Herausforderungen, denn die Gläser sind schmutzig und die Chance, dass sich Schimmel bildet ist gross. Ausserdem können wir nicht kontrollieren, was mit den Gläsern bei den Kund*innen zu Hause passiert ist – haben sie ggf. noch anderes hineingefüllt? Teilweise werden Flaschen und Gläser als Aschenbecher genutzt etc.

Dann kommen hygienische Probleme dazu. Da die Gläser Lebensmittel enthalten, müssen sie gut gereinigt werden, das muss auf mikrobiologischer Ebene absolut einwandfrei sein! Bierflaschen zu reinigen ist viel einfacher als Gläser, die mal Konfi, mal Sirup oder mal ölhaltiges Pesto enthalten.

Die Sauberkeit ist also die grosse Herausforderung?

Genau. Um Gläser so sauber zu kriegen, damit man sie wieder füllen kann, braucht man eine entsprechende Maschine. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich verschiedene Maschinen im Industriestandard angeschaut und berechnet, ob es sich für uns lohnen würde und was die Voraussetzungen sind.

Und? Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Dass es sich nur lohnt, wenn wir unsere Produktion massiv erhöhen und einen enormen Rücklauf an leeren Gläsern haben. Plus müssten wir den halben Bächlihof umbauen und das liegt grad nicht drin (lacht). So eine Maschine braucht Platz und viel Energie. Und wir sind ja schon eine Manufaktur, aber wir brauchen bei der Reinigung eine möglichst automatische Lösung. Wir setzen unsere Handarbeit lieber bei der Entwicklung und Herstellung von Produkten ein.

Das schmutzige Geschirr aus der Gastronomie reinigen wir doch auch selber – warum nicht die gleiche Maschine nutzen?

Das habe ich ebenfalls untersucht. Allerdings sind das ganz andere Prozesse. Z.B. kann diese Maschine nicht in einzelne Flaschen «spritzen» und auch dünnhalsige Gläser wie z.B. für den Sirup sauber auswaschen.

Ein weiterer Faktor ist, dass bei dieser Maschine die gereinigten Gläser gelagert und mit der Logistik verschoben werden müssten. Die Gefahr, dass sie unterwegs wieder verschmutzt werden, ist gross. Die Idee von den grossen industriellen Maschinen ist, dass die schmutzigen Gläser gereinigt werden und dann sofort wieder befüllt werden. Alles in einem Prozessschritt. Zudem braucht es ein Kontrollsystem, das die gereinigten Gläser auf Beschädigungen, Reinigungsrückstände, Fremdkörper etc. untersucht – ein sogenannter Flascheninspektor.

Und dann gibt es noch das Problem, dass unsere Gläser gar nicht für Mehrweg geeignet sind…

Warum? Gibt es denn einen Unterschied zwischen Mehrweg- und Einwegglas?

Ja, Mehrwegglas ist dicker (und schwerer), damit es robuster ist und die Reinigung überlebt – und zwar nicht nur einmal sondern x-mal. Niemand will Glassplitter im Essen. Wir müssten also zuerst bei allen Produkten auf Mehrweggläser umsteigen. Und aktuell gibt es diese Auswahl gar nicht. Zudem ist in der momentanen globalen Situation die Glasverfügbarkeit schwierig.

Das Projekt wird also im Moment gestoppt, wir nehmen unser Gläser nicht mehr zurück. Was sollen unsere Kundinnen und Kunden jetzt mit ihren alten Haferdrink- oder Kürbissuppengläsern machen?

Ins Altglas bringen. Der Recycling-Kreislauf ist nicht perfekt, aber besser als gar nichts.

Oder man nutzt die Gläser selber zu Hause in der Küche! Z.B. um eigene Konfitüre zu machen, für Eingelegtes oder als To-Go-Geschirr. Für den Eigengebrauch müssen nicht so hohe hygienische Standards erfüllt werden.

Aber so wie ich dich kenne, gibst du so schnell nicht auf – was ist der Plan?

Nein, meine Arbeit war ein erster Schritt, damit wir wissen, womit wir es zu tun haben. Wir werden das Thema sicherlich nicht aus den Augen verlieren, denn wir versuchen so viele Kreisläufe wie möglich zu schliessen. Und wir sind ja nicht alleine; die Industrie entwickelt sich weiter, Nachhaltigkeit ist ein Megatrend. Somit hoffen wir, dass es bald eine Lösungen geben wird, die auch bei uns umsetzbar ist.

Vielen Dank für deine Antworten Nik!

Nadine kam von der Bank zum Bauernhof. Sie ist seit 2016 Marketing- und Kommunikationschefin bei Jucker Farm. Ihre Spezialität ist die digitale Kommunikation. Neben Ihrem Job reist sie leidenschaftlich gerne (Zum Portrait).

Beiträge von Nadine
6 Kommentare zu “Die Krux mit dem Mehrwegglas”
    Heidi Giuliani

    Seit meinem 18. Lebensjahr trinke ich keine Kuhmilch mehr, weil mein Körper dies nicht mehr braucht. Haferdrink trinke ich pur, schlicht weil es mir schmeckt, am besten aus der Glasflasche. In den hübschen Flaschen lassen sich Vorräte praktisch aufbewahren z.B. Haferflocken. Ideal auch zum Schütteln von Salatsaucen. Gläser von passierten Tomaten kommen ja auch noch nicht in Mehrwegflaschen daher.

    Antworten
    Nadine Gloor

    Danke vielmals für deinen Kommentar und die Wiederverwendideen :)

    Antworten
    Janine

    Ich hab mich so gefreut in unserem kleinen Cööpli den neuen Haferdrink zu entdecken!!! Er schmeckt supertoll, und ich freue mich über jedes schöne Glas das ich von Euch so erhalte. All meine Vorräte lagern in Euren Gläsern, eine Augenweide :-)
    Weiter so!

    Antworten
    Nadine Gloor

    So cool!! Schön erhalten auch unsere Gläser bei dir ein zweites Leben!

    Antworten
    Charlotte

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich habe mich sehr über den megafeinen Haferdrink von euch gefreut, als ich ihn im Coop entdeckt habe. Und jetzt sind auch meine Fragen betreffend Glasrückgabe geklärt. Schade ists, und bleibt dran beim Thema.

    Antworten
    Nadine Gloor

    Freut uns sehr, dass dir unser Haferdrink so gut schmeckt!! Und ja, wir bleiben dran ;)

    Antworten

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