Mutterkuh mit Kalb pixabay
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Der Kreislauf von Milch und Fleisch

Wer Vieh hält produziert in der Regel entweder Fleisch ODER Milch. Wie wir im Artikel «Faire Milch» bereits erwähnt haben, sind kombinierte Formen zwar am Kommen, aber praktisch sehr schwierig umzusetzen.

Milch- oder Fleisch

Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen ist das Vieh in der heutigen intensivierten Landwirtschaft entweder in die eine oder in die andere Richtung gezüchtet, eigenen sich von ihrem genetischen Material her also entweder für die Fleisch- oder für die Milchproduktion besser. Brown Swiss oder die rot- oder schwarzweiss gefleckten Holsteiner haben beispielsweise eine sehr hohe Milchleistung, setzen dafür aber nicht so viel Fleisch an wie zum Beispiel das schwarze Angus-Vieh oder französischen roten Limousins, die eher bei der Fleischproduktion eingesetzt werden. Es gibt auch so genannte Zweinutzungsrassen, wie z.B. das klassische Braunvieh oder die ebenfalls rot-weiss gefleckten Simmentaler, die für beides geeignet sind.

Der zweite Grund ist, dass die Milch der Kühe ja eigentlich für deren Kälber bestimmt ist. Will man nur einen Teil der Milch zum Verkauf abzweigen, ist das schwierig, weil säugende Kühe prinzipiell niemanden ausser ihrem Kalb an die Zitzen lassen wollen.

Der Kreislauf der Milch

Und trotzdem hängen Milch- und Fleischproduktion zusammen. Denn Milch gibt es nur, wenn immer wieder ein Kalb geboren wird. Eine Kuh gibt nach Geburt eines Kalbs rund 1 Jahr lang Milch. Danach würde der Milchfluss versiegen. Also muss jedes Jahr ein neues Kalb geboren werden. Wenn man die Milch aber für den Menschen abzweigen will, muss das Kalb weg. Deshalb werden die Kälber kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt (0-2 Tage, je nach Betrieb unterschiedlich) und mit der Milch aus einem Pool von Mutterkühen getränkt. Nach ca. 3 Wochen kommen ca. 2/3 dieser Kälber auf einen Zuchtbetrieb und werden gemästet bis sie als Kalb oder Rind geschlachtet werden. 1/3 der Kälber (ausschliesslich weibliche) werden als Milchkühe «nachgenommen».

Die Mutter dieser Kälber wird ab 1 Woche nach der Geburt zweimal täglich gemolken und nach etwa 2 Monaten wieder besamt, damit sie pünktlich wieder ein Kalb gebärt. Ab zwei Monate vor der Geburt des nächsten Kalbes hat sie Melkpause, damit sie sich regenerieren kann.

So läuft es beim Fleisch

Bei der Fleischproduktion gibt es Betriebe, die sich entweder auf die Aufzucht von den eben erwähnten Kälbern bzw. Rindern konzentrieren, die bei der Milchproduktion «anfallen» (Mehr dazu im Artikel Vegetarier-Dilemma). Hier werden die Jungtiere in der Regel mit Gras, Mais und Kraftfutter auf ein Schlachtgewicht von 200 kg Lebendgewicht (Kälber; Schlachtgewicht ca. 130 – 140 kg) oder 500 kg Lebendgewicht (Rinder; Schlachtgewicht ca. 250 – 300 kg) grossgezogen.

Dann gibt es noch die so genannte «Mutterkuhhaltung», die aktuell 14% der gesamten Rindviehhaltung der Schweiz ausmacht. Hier bleiben die Kälber nach der Geburt bei der Mutter, bis sie gross genug zur Schlachtung sind, was ca. mit 10-12 Monaten der Fall ist. Sie ernähren sich mehrheitlich von der Milch ihrer Mutterkuh und von Gras auf der Weide (Mehr Infos unter mutterkuh.ch) Hier wird die Milch nicht verkauft, sondern ist ausschliesslich für das Kalb bestimmt.

Wir haben zur Übersicht ein Jahr im Leben einer Kuh in der Milch- bzw. der Fleischproduktion gegenübergestellt:

Natürlich gibt es von Betrieb zu Betrieb Abweichungen zu dieser Aufstellung. Wir haben ein übliches Schweizer Szenario aufgezeichnet.

Nach 6 Jahren «verbraucht»

Doch egal, wie die Tiere gehalten werden - sobald die Milchleistung der Kühe oder ihre Fruchtbarkeit nachlassen, werden sie geschlachtet. Denn davon lebt der Bauer. Das ist hierzulande mit ca. 4-8 Jahren der Fall. Auch das ist abhängig von der Intensität der Produktion und je nach Betrieb unterschiedlich.

In der Milchproduktion mit einer intensiven Bewirtschaftung ist eine Milchkuh manchmal schon nach 3 Jahren «verbraucht», in der Mutterkuhhaltung ist das tendenziell etwas später der Fall. Auf dem Rüedihof im Freienstein, der den Hofladen in Rafz mit Fleisch beliefert ist die älteste Kuh beispielsweise 17 Jahre alt. Im Durchschnitt werden ihre Tiere ca. 10-jährig, anderswo liegt der Schnitt ca. bei 7 Jahren.

Diese Kühe zum Metzger zu bringen, das tut kein Bauer gern, denn er hat zu diesen Tieren nach dem täglichen Kontakt eine Beziehung aufgebaut. Das Problem ist der Platz im Stall. Je nach Betriebsmodell kommen einfach mal 10 Milchkühe jährlich dazu. Wohin dann mit den «alten» Kühen? Der Bauer müsste alle paar Jahre einen neuen Stall bauen.

Altersheime für «ausrangierte» Kühe

Die Kuh hat also jahrelang geliefert und wird am Ende quasi «entsorgt». Wobei ihr Fleisch nicht einfach weggeworfen wird, sondern zu Hackfleisch verarbeitet wird. Die bittere Wahrheit - die zum Milch- und Fleischkonsum leider dazugehört. Es gibt sie allerdings, die Orte, an denen man diesen Kühen einen Platz gibt, bis sie eines natürlichen Todes sterben. So genannte Gnadenhöfe. Ein Beispiel hier in der Region ist der Hof Narr aus Wald ZH. Finanziert wird die Unterkunft von diesen Tieren durch Patenschaften. Eine Vollpatenschaft für eine Kuh ist dort für 250 Franken pro Monat zu haben.

Eine Super Infobroschüre zur Rindviehhaltung in der Schweiz auf landwirtschaft.ag (runterscrollen-PDF «Informationsbroschüre»)

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Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

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