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Die Schleppschlauch-Problematik

Emissionen in der Landwirtschaft sind ein Thema. Hauptsächlich im Fokus ist die Gülle, bzw. deren Ausbringung. Man geht davon aus, dass eine möglichst bodennahe Ausbringung die Ammoniak- wie auch die Geruchsemissionen reduzieren sollen. Deshalb sollte per Januar 2022 im Rahmen der so genannten «Luftreinhalteverordnung» ein Schleppschlauchobligatorium erlassen werden. Ab einer Betriebsgrösse von 3 Hektaren und bis zu einer Hangneigung von 18% sollte die Ausbringung der Gülle nur noch mittels Schleppschlauch erfolgen dürfen (Quelle Kanton Zürich)

Das Schleppschlauch-Obligatorium wurde allerdings letzten November auf 2024 vertagt, um der Branche wegen der langen Lieferzeiten und der doch massiven finanziellen Investitionen mehr Zeit zu geben. Wie viele landwirtschaftspolitische Entscheide wird auch das Schleppschlauchobligatorium rege diskutiert. Denn eine Umsetzung stellt viele – insbesondere kleine Betriebe – vor massive Herausforderungen. Entsprechend gross der Groll, wie ein frustrierter Kommentar auf einen Artikel im «Schweizer Bauer» illustriert:

«Wer befiehlt kann auch den blöden Schleppschlauch bezahlen! Eine Sauerei, so Gülle auszubringen. Kühe müssen Mist-Mädli fressen. Hohe Kosten und Bodendruck! Ich wehre mich aufs Blut, dass dieser Unsinn beerdigt wird!»

«Wir güllen nur 2x im Jahr. Wir könnten so eine Maschine niemals amortisieren»

Bäuerin eines Kleinbetriebs

Was ist denn das Problem?

Das Hauptproblem stellen sicherlich die hohen Investitionskosten dar. Rund 10-20'000 Franken müsste man für eine Umrüstung in die Hand nehmen. Doch bei weitem nicht alle Güllenwagen erlauben ein einfaches Anbringen einer Schleppschlauchinstallation oder können damit steiles Gelände befahren. In diesem Fall braucht es einfach direkt einen komplett neuen Anhänger oder gar Traktor. Dann bewegen sich die Kosten eher bei 50-60'000 Franken (ohne Traktor). Dies entspricht beinahe einem durchschnittlichen Jahresgehalt eines Schweizer Bauern (Quelle: Schweizer Bauernverband).

Für kleine Betriebe ist die Herausforderung besonders gross. Eine Bäuerin, die lieber anonym bleiben möchte, beschreibt die Situation folgendermassen: «Wir haben eine Fläche von 3.4 Hektaren, die unter das Schleppschlauchobligatorium fallen. Allerdings güllen wir nur etwa zwei Mal im Jahr. Wir könnten so eine Maschine niemals amortisieren. Also bleibt uns nur noch die Zusammenarbeit mit einem Lohnarbeiter. Da wir aber ein sehr kleiner Betrieb sind, werden wir als letzte bei der Planung berücksichtigt». Für kleinere Betriebe wie ihren bedeutet eine Schleppschlauchpflicht vor allem Abhängigkeit von anderen Unternehmern und viele Unsicherheiten. Wer ohnehin wenig «Puffer» hat eine enorme Zusatzbelastung.

Finanziell soll ein Schleppschlauch-Einsatz auf lange Sicht scheinbar günstiger sein, gemäss diesen Artikeln. Das bedingt aber ein gewisses Ausbringungsvolumen. Für kleine Betriebe rechnet sich die Investition jedoch nicht.

Thema Futterverschmutzung

Ein weiteres Thema, das in diesem Zusammenhang auftaucht, ist die Sorge um die so genannte «Futterverschmutzung». Denn einige der gegüllten Flächen werden irgendwann abgemäht und das Gras als Viehfutter verwendet. Besonders bei grosser Trockenheit und je nach Beschaffenheit des Güllenguts kann das problematisch sein. «Wir haben relativ feste Gülle mit einem hohen Mistanteil», erklärt die Bäuerin, «da bilden sich schnell mal Mädli, die dann nicht ausgewaschen werden und im Futter landen», sorgt sie sich.

«Dafür, dass Güllereste die Futterhygiene belasten, gibt es jedoch bislang keine wissenschaftlichen Beweise.»

Grünlandberater

Die Datenlage ist hier aber noch etwas unklar. Grundsätzlich sollte eine bodennahe Ausbringungstechnik eher weniger Futterverschmutzungen machen, heisst es auf der Website der Bayrischen Landesanstalt für Landwirtschaft: «Im Trockenjahr 2018 kamen aus der Praxis in Bayern allerdings verstärkt Hinweise zur Problematik von sichtbaren Gülleverunreinigungen bei bodennaher Ausbringtechnik. Effekte auf die Futterhygiene des konservierten Futters lassen sich jedoch schwer abschätzen, da bis jetzt nur wenige Untersuchungen zu der Thematik vorliegen und die Silagequalität zudem von vielen Parametern abhängig ist.» (Quelle: LFL Bayern)

Ähnlich klingt es von Seiten eines Grünlandberaters, der im Deutschen «Elite – Magazin für Milcherzeuger» zitiert wird: «Bei anhaltender Trockenheit ist Güllefahren immer heikel. Hier bleiben die Feststoffreste oft wochenlang auf der Futterfläche sichtbar. Da die Güllefeststoffe im Band ca. fünfmal konzentrierter liegen als bei der Breitverteilung, wirken die Güllebänder optisch „schmutziger“. Doch auch bei der Breitverteilung bleiben die Güllereste ohne Regen an den Blättern haften – dünner, dafür flächig! Regnet es bis zum Schnitt nicht nennenswert, ist es bei beiden Verfahren kaum vermeidbar, dass Rückstände ins Futter gelangen. Dafür, dass Güllereste die Futterhygiene belasten, gibt es jedoch bislang keine wissenschaftlichen Beweise.»

«Mit dem Schleppschlauch kann ich auch bei nicht-optimalen Bedingungen fahren»

Sven Studer, Landwirt und landwirtschaftlicher Berater Jucker Farm

Sven Studer, landwirtschaftlicher Berater bei Jucker Farm, arbeitet auf seinem 45-HA-Betrieb seit 30 Jahren mit dem Schleppschlauch. Er stellt die Problematik aus seiner praktischen Sicht in Kontext: «Das hängt natürlich auch sehr von der Konsistenz der Gülle ab. Wir hatten das Problem auch schon, konnten es aber lösen, indem wir bei Trockenheit nach dem Güllen einfach gestriegelt haben». Das bedeutet natürlich wieder etwas Zusatzaufwand.

Neben Nach- auch Vorteile

Studer kann die Skepsis seitens anderer Landwirte bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen: «Es ist sicher etwas mehr Aufwand, mit dem Schleppschlauch zu arbeiten, als mit dem Güllefass. Zudem sind die Maschinen grösser und schwerer, was den Boden stärker verdichtet und mehr Diesel verbraucht».

Er selbst sieht aber auch ganz klare Vorteile in der Arbeit mit dem Schleppschlauch: «Für mich ist das Hauptargument, dass ich auch bei nicht-optimalen Bedingungen Gülle ausbringen kann, ohne dass es Verbrennungen an den Pflanzen gibt. Das gibt wiederum mehr Flexibilität in der Arbeitsplanung». Das Hauptargument - die Emissionsreduktion war nicht der zentrale Punkt beim Entscheid, auf den Schleppschlauch umzusteigen.

«Der Einsatz eines Schleppschlauches sollte jedem Bauern selber überlassen werden.»

Sven Studer

Als ich ihn frage, zu welchem Lager er sich in der Gülleausbringung zählen würde, antwortet er: «Schon PRO-Schleppschlauch, aber ich halte ein Obligatorium für falsch. Ein solcher Entscheid sollte jedem Bauern selber überlassen werden.»

Während der Recherche zu diesem Artikel wurde auch klar, dass die Ausgangslagen in landwirtschaftlichen Betrieben sehr unterschiedlich sind. Entsprechend auch die Problemstellungen: Manche haben zwar grosse, flache Felder, die aber vielleicht an ein Grundwasserschutzgebiet angrenzen, andere haben sehr weiche, feuchte Böden, die man mit schwerem Gerät nicht befahren sollte. Dann gibt es wieder Betriebe mit viel Viehhaltung, auf denen sehr viel Gülle anfällt, bei anderen nur wenig Gülle. An einem Ort ist die Hanglage gerade noch flach genug, aber trotzdem schon recht steil. Manche Bauern sind finanziell bessergestellt als andere, manche haben ein grösseres Netzwerk als andere. Einmal mehr ist es eben nicht so einfach…

Bei Jucker Farm haben wir keinen Schleppschlauch. Den benötigen wir auch gar nicht, da sich die wenigen Tiere, die wir halten ohnehin im Freiland bewegen und kaum Gülle oder Mist anfällt. Somit sind wir bezüglich dieser Thematik «fein raus». Erklären wollten wir es trotzdem.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
2 Kommentare zu “Die Schleppschlauch-Problematik”
    Carmen

    Also wegen den Geruchsemissionen muss man so einen „Mist“ bestimmt nicht erzwingen! Wie der Artikel schön aufzeigt, es gibt dafür und dawider. Soll doch jeder selber entscheiden. Wir Bünzlischweizer müssen nicht immer alles festlegen

    Antworten
    Valérie Sauter

    Hm. Die "Bünzlischweizer" sorgen sich halt um die Umwelt und es gilt, irgendwo einen Konsens zu finden. Wenn niemand was macht, kommt man auch nicht weiter. Ich denke, es ist schon richtig und wichtig, über solche Themen nachzudenken. Auch wenn man hier jetzt vielleicht zum Schluss kommt, dass es schwierig ist, alle über einen Kamm zu scheren. Aber bei dem einen oder anderen Betrieb ist es vielleicht schon gut, wenn er einen "Schubser" bekommt. Ist immer schwierig bei so politischen Entscheiden. Sie sind nie für alle gut.

    Antworten

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