Vater am Melken Kinder
Hofleben von Valérie

Die Jucker-Saga – Teil 9

Ueli Jucker übernahm den Hof 1970 von seinem Vater. Ein Jahr also, nachdem er die junge Elsbeth Schweizer vom Florhof in Rafz (heute der Spargelhof) geheiratet hatte. Ueli hatte gerade die Meisterprüfung absolviert.

Was wurde anders?

1970 hatte der Juckerhof noch viele Kühe. Als Ueli dann den Hof übernahm, hat er die 25 Kühe des Vaters – mit dessen Einverständnis – alle verkauft. Alle bis auf eine, die er für den Eigenbedarf noch behalten wollte. Ueli Jucker entschloss sich, ganz auf Obst zu setzen.

Warum zum Obstbau?

In den 1970er-Jahren wurde die Milchkontingentierung eingeführt, weil es in der Schweiz einen Milchüberschuss gab. Der Bund sprach neu Subventionen für Mastbetriebe, wenn man sich für 6 Jahre Mast verpflichtete, damit sich die Milchproduktion mehr auf die Fleischproduktion verlagerte. «Nach 3 Jahren gab es dann zu viel Fleisch», so Ueli. Man war um jeden froh, der aufhörte.

«Man war um jeden froh, der aufhörte»

Ueli Jucker

Das war einer der Gründe für Ueli, ganz auf Obst zu setzen. Diese Umorientierung auf Obst habe wirtschaftlich viel gebracht. Milchproduktion wurde immer unrentabler. Zudem sei die Produktion von Milch arbeitsintensiver als die Obstproduktion. Schon damals hätte man min. 30-40 Kühe halten müssen, damit sich die Milchproduktion für einen Hof dieser Grösse gelohnt hätte. Das hätte geheissen, min. 1-2 Leute zusätzlich fest anzustellen.

Also Obst…

Ganz neu war der Obstbau für die Familie Jucker ja nicht. Auf Obst gesetzt hatte man schon vorher in den 60er Jahren. Auf dem Juckerhof gab es schon damals 4-5 Hektaren Niederstamm-Obst. Nach dem Kuhverkauf hatte Ueli noch mehr Obstbäume gesetzt und zusätzlich Beeren angepflanzt. Insgesamt gab es in den 70er Jahren rund 12 Hektaren Obst auf dem Juckerhof. Damit war man damals einer der grössten Obstbaubetriebe, nicht nur im Kanton Zürich, sondern in der Ostschweiz.

1974 hat Ueli Jucker auf dem Juckerhof die ersten Obstkühler gebaut, 1977 folgte eines der ersten CA-Lager, die es möglich machten, die Äpfel fast das ganze Jahr über zu verkaufen. Wohl auch deshalb hat sich das Kaufverhalten der Kunden geändert.

«Früher haben die Leute die Äpfel in grossen Mengen bei uns eingekauft»

Ueli Jucker

«Früher haben die Leute die Äpfel in grossen Mengen bei uns eingekauft, und diese dann bei sich im Keller eingelagert. Bis zu 1000 kg Äpfel gingen in der Woche weg, jeweils in 25kg-Harassen. Das wurde immer weniger. Aus den grossen Harassen wurden 12kg-Boxen, dann 6kg-Boxen, dann 2kg-Chörbli. Die Konsumenten haben gemerkt, dass die Äpfel aus unserem Lager im Frühling besser schmeckten und immer verfügbar waren», sagt Ueli Jucker im Nachhinein.

Walter Jucker beim Kirschenpfluecken

Vater Jucker beim Kirschenpflücken

Mutter Jucker im Erdbeerfeld

Mutter Jucker im Erdbeerfeld bei der Arbeit.

Leute am Selberpflücken

Erdbeeren selber pflücken zu lassen, war eine Neuheit.

Junge Elsbeth im Erdbeerfeld

Die junge Elsbeth Jucker bei der Erdbeerernte.

Geburtsstunde des Erdbeeren Selberpflückens

Ungefähr in dieser Zeit «erfanden» die Juckers auch das Erdbeeren Selberpflücken. Irgendwann Ende der 60er Jahre hatte es eines Tages nach der Ernte nur noch mickrige Beeren auf dem Feld, so dass man kurzerhand beschloss, das Feld für die Öffentlichkeit freizugeben. Sobald es hell wurde – und das war zu dieser Zeit (ohne Sommerzeit) noch um 4 Uhr morgens – durften die Leute aufs Feld. Innert 3 Stunden sollen gemäss Uelis Erzählung 1200 kg Erdbeeren gepflückt worden sein.

Beworben hatte man das nicht. Es hatte sich nur durch Mund zu Mund Propaganda herumgesprochen. Das war der Anfang vom Selberpflücken auf dem Juckerhof. Weitherum sei man der erste Bauernhof gewesen, der das gemacht habe. Etwas später seien dann die Kirschen dazu gekommen. Auch da haben die Leute früher noch grössere Mengen geholt, um Konfitüre einzumachen. Da war Selbermachen noch billiger als Einkaufen.

Anfang der 1970er Jahre kamen dann die Kinder der Juckers zur Welt und zwar relativ kurz hintereinander. Zuerst Brigitte (1970), dann Martin (1972) und Beat (1973).

Anstrengend, aber schön

«Es sei schon streng gewesen», erzählt Elsbeth Jucker über diese Anfangszeit auf dem Juckerhof. Denn neben den 3 kleinen Kindern gab es noch einen Obstbau-Lehrling und eine Haushaltslehrtochter, die angeleitet werden wollten. Dazu habe man sich noch freiwillig engagiert. Das habe damals dazu gehört. Elsbeth war jahrelang in der Frauenkommission der Schule und in der Kirchensynode, Ueli war in der Feuerwehr und hat den Gewerbeverein Seegräben gegründet. Sein grosses Hobby waren die Pferde. Dies war der Ausgleich zum strengen Bauernleben.

«Es gab immer für jeden ein Ärbetli, das er machen konnte. Und wenn er noch so klein war».

Elsbeth Jucker

Trotz allem sei es eine unheimlich schöne Zeit gewesen, all diese Arbeiten eben gemeinsam zu erledigen. Es war viel Arbeit, aber es waren auch viele Menschen da, die geholfen haben. Auch Uelis Vater, der mit der Familie noch lange Zeit unter einem Dach wohnte und lange Zeit noch mithalf. «Die Kinder hatten ihren Grossvater gern und sie lernten früh, auf die ältere Generation Rücksicht zu nehmen», sagt Elsbeth heute.

Ueli Jucker mit seinen Buben

Schon früh wurden die Kinder einfach zur Arbeit mitgenommen. V.l.: Beat, Ueli, Martin

Kids Im Zuber

Die Juckers erlebten eine idyllische Kindheit.

BeatMartinBrigitte Auf Rapid

Von links: Beat, Martin und Brigitte Jucker

Idyllische Kindheit

Die drei Jucker-Kinder hätten wirklich eine idyllische Kindheit verbracht. «Wir haben zwar viel gearbeitet, aber wir waren immer da. Bei der Apfelernte waren die Kinder halt mit dabei und haben mit den Apfelharassen Hütten gebaut», erinnert sich Elsbeth. «Ueli hat sie schon früh spielerisch an die Arbeit herangeführt», erzählt sie. Sie hätten schon Traktor fahren dürfen, bevor sie überhaupt richtig nach vorne sehen konnten. Es gab immer für jeden ein Ärbetli, das er machen konnte. Und wenn er noch so klein war. Aber auch wenn die Arbeit eine zentrale Rolle im Familienalltag einnahm: Auf Ferien verzichten mussten die Juckers nie. Trotz der anstrengenden Tage machte die Familie jedes Jahr 1 Woche Skiferien und im Sommer eine 3-tägige Tour durch die Schweiz.

--

Der Vater von Ueli Jucker – Verfasser der ursprünglichen Familien-Chronik - starb 1997 im Alter von 82 Jahren, nachdem er 26 Jahre mit Elsbeth und Ueli und den Kindern auf dem Juckerhof gewohnt hatte.

 

Bisher erschienen:

Teil 1 – frühes Familiendrama
Teil 2 – Hilfe von aussen zu einem hohen Preis
Teil 3 – das schwierige Leben zwischen den Weltkriegen
Teil 4 – blühendes Familienleben
Teil 5 – Turbulente Jahre und ein volles Haus
Teil 6 – der Jucker hat schon immer gesponnen
Teil 7 – Abschied von Hermann
Teil 8 – Umbau und die junge Elsbeth

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenns "brennt". Die Medienwissenschaftlerin hat vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Kommunikationsteam von Jucker Farm geleitet.

Beiträge von Valérie
4 Kommentare zu “Die Jucker-Saga – Teil 9”
    Fabienne

    Gibt es noch einen Teil 10 der Jucker-Saga?
    Würde mich total interessieren!

    Antworten
    Nadine Gloor

    Klar, kommt noch ;)

    Antworten
    Fabienne

    Super, kann es kaum erwarten! Wann wird es denn so weit sein?

    Antworten
    Valérie Sauter

    Liebe Fabienne, wir sind dran. Wir hoffen, dass der nächste Teil noch vor Ende Jahr fertig wird... Mehr kann ich dir leider nicht sagen ;-)

    Antworten

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