Zu Jucker Farm
von Valérie

Jucker-Saga 14: Die Gründung der Jucker Farmart AG

Da war also ein Bauernhof, der begonnen hatte, im Herbst diesen Kürbiswahnsinn auf die Beine zu stellen. Gestartet hatte das alles als «Jucker Obstbau Seegräben». So hatten es die Eltern Ueli und Elsbeth damals mal genannt.

1999 begannen die Jucker Brüder zu realisieren, dass dieser Name dem, was daraus geworden war, nicht mehr gerecht wurde. Zusammen mit Hiltebrand Unternehmenskommunikation wurde noch im Sommer 1999 innert kürzester Zeit die Marke «Jucker Farmart» entwickelt und ein «Corporate Design» auf die Beine gestellt. Für die geplante Halloweenparty zum Abschluss sowie alles zum Thema Halloween, das unter dem Logo «Jucker Halloween» einen eigenen Brand bekommen sollte.

«Wir waren immer noch als Bauernhof organisiert.»

Martin Jucker

Das Ziel war ab nun, die Bekanntheit der neuen «Jucker Farmart»-Marke mit allen «Tochtermarken» aufzubauen. Doch in Sachen Unternehmensstruktur musste jetzt einiges gehen. «Wir waren immer noch als Bauernhof organisiert, mit Zusammenarbeiten an allen Ecken und Enden. Das Projekt «Rafzerfelder Melonen» sowie die Kürbiskernproduktion hatte viel Potenzial. Innert zwei Jahren war der Jahresumsatz von rund 500'000 CHF auf 2 Millionen CHF angewachsen. Gewinn gab es jedoch keinen», erzählt Martin Jucker. Zu hohe Kosten hatte die Kürbisausstellung 1999 verursacht.

Kurzum – es musste neu strukturiert werden. Sollte man sich wieder zurückbesinnen oder die Flucht nach vorne ergreifen und mit der grossen Kelle anrühren? Dreimal könnt ihr raten: «Da wir das Wort zurück damals nicht kannten, war das schnell entschieden», sagt Beat lachend.

Leicht überbordet

Walter Nägeli, der 1999 das Büro übernommen hatte, und Martin Jucker skizzierten dann - unter Einbezug der neuen Marke - eine Struktur, um alle bestehenden Partner ins Boot zu holen und mit der die Jucker Farmart weiterwachsen konnte. Diese sah drei verschiedene Aktiengesellschaften und zwei GmbHs vor.

  • Jucker Farmart AG
  • Jucker Farmart Produktions AG
  • Jucker Farmart Kürbiskern AG
  • Jucker Halloween GmbH
  • Jucker Farmart Expo GmbH

Zwei Monate später waren diese so auch gegründet. Daran waren insgesamt über 60 Aktionäre beteiligt. Von einer Kommunikationsagentur, über eine Veranstaltungsagentur, über andere Bauern bis hin zu uns selbst, waren diverse Partien beteiligt.

Durch den Gewinn von neuen Teilhabern kam auch Startkapital in Form von Aktienkapital dazu und wir konnten das neue Jahrtausend in Angriff nehmen. Schon bald aber merkten wir, dass das alles – einmal mehr - viel mehr Geld gebraucht hätte, als wir hatten.

«Nachdem eine Internetrecherche erklärt hat, was ein Businessplan ist, konnten wir einen erstellen.»

Martin Jucker über seinen ersten Businessplan

Businessplan aus dem Internet

«Wir haben dann bei drei Banken nachgefragt, ob wir einen Kredit haben könnten. Doch diese wollten zuerst einen Businessplan sehen», sagt Martin. «Nachdem eine Internetrecherche erklärt hat, was ein Businessplan ist, konnten wir einen erstellen. Das heisst, wir haben einfach von der Website der UBS eine Vorlage heruntergeladen und über Nacht habe ich zu jedem Punkt dort reingeschrieben, was mir so in den Sinn kam», erzählt er. Am nächsten Morgen startete dann die Finanzplanung zusammen mit Walter Nägeli.

«Um 16.00 hatten wir so viele Zahlen in so viele Excel Tabellen eingetragen, dass wir keine Ahnung mehr hatten, was wir da eigentlich gemacht hatten. Total im Chaos versunken sind wir. Ein Bekannter von Walter Nägeli war Treuhänder in der Region, Andreas Hanselmann mit Name. Besagter Treuhänder war spontan, traf um 17 Uhr bei uns ein und wir starteten nochmal bei Null. Um 6 Uhr morgens waren wir fertig und der Businessplan auf dem Weg zu den Banken. Das war auch nötig, weil unser Kontostand schon fast bei 0 angelangt war», erzählt Martin Jucker.

Kein Geld – viel Geld

Zwei Tage später waren deren Antworten da. Von allen die gleichen:

«Dieser «Businessplan» ist keiner.»

Sie verstanden nicht, was das sollte und solch hohe Beträge würden sie nicht einfach so sprechen können, hiess es.

Booom.

Was jetzt? Aufgeben war keine Option mehr, dazu steckten wir zu tief drin. Deshalb haben wir uns aufgeteilt und jeder hat versucht, irgendwo weiterzukommen.

Martin war beim Wirtschaftsförderer von Uster. Dieser hat ihn auf Preisgelder bei Jungunternehmerawards aufmerksam gemacht und ihm gleich eine Kontaktliste mitgegeben. Da waren zwar fast 100`000 CHF zu holen. Aber das Jucker Farmart-Konstrukt brauchte Millionen. Da der Businessplan schon stand, wurde der einfach mal überall hingeschickt.

Dann ging es los: Den Van Riemsdik Startpreis haben die Jucker Brüder gewonnen, beim Swiss Economic Award wurden sie Zweite und fanden sich mitten in der Schweizer Startup-Szene wieder. Gleichzeitig befand sich die Wirtschaft auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase. Es gab diverse Mitbewerber-Startups, gegen die ausgerechnet wir als Bauern uns durchsetzen konnten.

Nochmal Booom.

Aus dem Bund im Mai 2000: Die drei Gewinner des Jungunternehmerpreises am SEF.

Aus dem Blick im Mai 2000...

Die beiden Auszeichnungen im Jahr 2000

Das Blatt wendete sich. Plötzlich stritten sich die Banken förmlich um unsere Finanzierung. Plötzlich war mehr als genug Kapital da. Die Bank, welche schlussendlich den Zuschlag gekriegt hatte, hat sogar gefragt, ob die Juckers nicht noch eine Million mehr wollten, damit sie sich nicht einschränken müssten. Geld war da. Aber für was genau?

«Wenn man etwas anreisst, dann richtig. Selbst wenn es grösser wird, als man es stemmen kann.»

Gigantische Dimensionen

Pflästerli-Wirtschaft ist nicht das Ding der Juckers. Wenn man etwas anreisst, dann richtig. Selbst wenn es grösser wird, als man es stemmen kann. Vor Verantwortung und betrieblichen Eigendynamiken hatten die Brüder noch nie Angst. Warum auch?

Der unbescheidene Plan für das Jahr 2000 sah demnach vor:

  • Verschieben der weltgrössten Kürbisausstellung ins Blühende Brock in Ludwigsburg (DE)
  • In Seegräben eine kleinere Kürbisausstellung, angepasst an die Infrastruktur
  • Produktion von mind. 800 Tonnen Kürbissen in der Schweiz (easy)
  • Belieferung des gesamten Detailhandels der Schweiz (geht gut nebenbei)
  • Kürbisausstellungen in vier Schweizer Einkaufszentren (why not)
  • European Halloween Festival im ABB Areal Zürich (Party mit 12`000 Gästen – ob 12 oder 6000, spielt ja nicht so eine Rolle)
  • Nationale Einführung der Rafzerfelder Melonen im Detailhandel (ist eh so gut wie gemacht)
  • Kürbiskernproduktion in der Schweiz für industrielle Zwecke aufbauen, mind. 25 ha.
  • Entwicklung und Markteinführung von Halloween Kürbis Schnitzwerkzeug (ein MUST)
  • Entwicklung und Vertrieb von drei Kürbiskochbüchern (noch nie gemacht, aber geht schon)
  • Produktion von Zier- und Speisekürbissen mit Vertragsbauern aus dem Raum Düsseldorf (D) (was wir in der Schweiz können, geht auch für Deutschland. Easy.)
  • Vertrieb von Zier- und Speisekürbisse für den Deutschen Detailhandel
  • Vertrieb von Kochbüchern und Schnitzwerkzeug im Deutschen Detailhandel (wenn’s weiter nichts ist).

Der Umsatz soll dabei von 2 Mio auf 8 Mio CHF steigen (löcke!). Aufmerksame Leser*innen werden bemerkt haben, dass das gleich mehrere grosse Projekte waren. Allesamt Dinge, die die Juckers noch nie gemacht hatten. Also dreizehn. Grosse Projekte. Jedes von denen wäre für sich schon ein Hosenlupf gewesen. Aber die Jucker-Brüder befanden sich grad in den wilden 20ern. Nichts war zu viel, nichts zu gross. Sturm und Drang in kompletter Angstfreiheit.

---

Ist dir schwindlig? Ja, mir auch. Zu Recht. Wie es den Jucker-Brüdern gelang, all diese Projekte über die Bühne zu bringen, lest ihr im nächsten Teil.

 

Bisher erschienen:

Teil 1 – frühes Familiendrama
Teil 2 – Hilfe von aussen zu einem hohen Preis
Teil 3 – das schwierige Leben zwischen den Weltkriegen
Teil 4 – blühendes Familienleben
Teil 5 – Turbulente Jahre und ein volles Haus
Teil 6 – der Jucker hat schon immer gesponnen
Teil 7 – Abschied von Hermann
Teil 8 – Umbau und die junge Elsbeth
Teil 9 – Ueli übernimmt
Teil 10 – Die Lehrjahre von Beat und Martin Jucker
Teil 11 – Die erste Kürbisausstellung "aus Versehen" (1997)
Teil 12 - Die erste "richtige Kürbisausstellung (1998)
Teil 13 - Sensationen nahe des Irrsinns (1999)

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

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