Ist Bio wirklich besser? Teil 2

02. März 2017 Valérie

Nachdem im Artikel "Ist Bio wirklich besser? Teil 1" der Pflanzenschutz im Fokus stand, greifen wir heute einen weiteren wichtigen Aspekt auf: Das Bio-Label ist massentauglich geworden. Kehrseite der Medaille: Die Nachfrage hat Dimensionen angenommen, die es schwierig machen, dem Ökologiegedanken getreu zu produzieren, wie ein kritischer Artikel im Stern aufgedeckt hat (26. November 2016: „Das Märchen vom guten Bio-Essen“).

Thematisiert werden da vor allem Deutsch-Spanische Verhältnisse. Zwar würden die Bio-Standards weitgehend eingehalten (keine Pestizide, keine Gentechnik), aber die Produktion in dieser Grössenordnung generiere andere soziale und ökologische Probleme. In Deutschland werde zu wenig Bio produziert. Deshalb verlagere sich die Produktion nach Spanien. Landschaftsverschandelung und Versalzung des Grundwassers sei somit auch in der Bio-Produktion ein Problem. Verursacht durch die steigende Nachfrage und die damit verbundene Massenproduktion. Das Label halte also nicht mehr, was es verspreche.

Und in der Schweiz?

Wie aber stehen die Verhältnisse in der Schweiz? Auch in der Schweiz ist der Bio-Markt im Wachstum begriffen. 2015 gab es in der Schweiz 6244 Biobetriebe. Fast doppelt so viele wie 1997. Die biologisch bewirtschaftete Nutzfläche hat sich von 64‘463 HA mehr als verdoppelt auf 137‘234 HA (Quelle BAfS). Und auch in der Schweiz wird hier kräftig Geld umgesetzt. Gemäss einem Artikel im Tages-Anzeiger (7. April 2016: Bio-Ranking – Die Schweiz im Europa-Vergleich) erwirtschaftete der Biomarkt 2015 einen Gesamtumsatz von 2,3 Milliarden Franken. 2014 waren es 1,8 Milliarden. Das entspreche einem Umsatzwachstum von 5,2%. Davon sei ca. 20% Gemüse.

Deutschland hat mit einem Umsatz von 7.9 Milliarden Euro absolut gesehen den grössten Bio-Markt. Rechnet man das auf den Pro-Kopf-Umsatz runter, liegt die Schweiz mit 221.50 Euro an der Spitze, in Deutschland beträgt der Bio-Umsatz pro Kopf nur bei 96 Euro. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass in der Schweiz 642 CHF pro Haushalt pro Monat für Lebensmittel ausgegeben werden, in Deutschland sind es 326 Euro oder umgerechnet 398 Franken (durchschnittlicher Eurokurs 2014 ca. 1.22 Franken).

Wenn man dies in Relation mit den Gesamtausgaben für Lebensmittel pro Haushalt setzt, wird ersichtlich, dass in Deutschland rund 4,9%, in der Schweiz mit 7,8% des Jahres-Lebensmittelbudgets für Biolebensmittel ausgegeben wird. Die Nachfrage ist also in der Schweiz im Verhältnis um einiges grösser. Allerdings wird auch bei uns ein Grossteil der Nachfrage durch ausländische Produktionen gedeckt.

Quellen: Deutsches Bundesamt Statistik,  BFS Admin Schweiz

Zur Tabelle Vergleich DE-CH

Die Vorschriften bezüglich Platz sind – insbesondere in der Tierhaltung - in der Schweiz viel strenger. Auch in der konventionellen Landwirtschaft. Heisst: Um Schweizer Bio zu produzieren, braucht es mehr Platz als in anderen Ländern. Was wiederum die Produkte teurer macht, was mit ein Grund sein dürfte, dass die Schweiz im internationalen Vergleich bei den Ausgaben für Bio-Produkte an der Spitze liegt.

Grossteil Bio-Früchte importiert

Im Gegensatz zu Spanien exportiert die Schweiz praktisch kein Gemüse. Im Gegenteil. 2014 waren die wertmässig am meisten importierten landwirtschaftlichen Erzeugnisse in der Schweiz Früchte und Gemüse (BFS, Taschenstatistik Landwirtschaft und Ernährung 2016).

Gemäss einem Artikel aus dem Tages-Anzeiger stammt auch in der Schweiz ein Grossteil der Bioprodukte aus dem Ausland (17.08.2015 – „Auch Schweizer Bio kommt oft aus dem Ausland") 80 Prozent des Bio-Gemüses kommt gemäss dem Tagi- Artikel aus der Schweiz. Bei Früchten stammen allerdings zwei Drittel aus dem Ausland. Spannend: Bei konventionellen Gemüsen liegt der Inlandproduktionsanteil lediglich bei 52% (Bundesamt für Statistik 2014). Bei Früchten gibt es keinen Unterschied zwischen Bio und herkömmlich. Bei beiden Gruppen stammen zwei Drittel aus dem Ausland.

Robert Obrist, Leiter des Departements Beratung, Bildung und Kommunikation beim FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) ergänzt: Auch bei importierten Bio-Produkten gilt, dass sie den Schweizer Bio-Standards genügen müssen“. Und Flugimporte seien nicht gestattet. Trotzdem: Auf irgendeinem Weg müssen die Früchte den Weg zu uns zurücklegen, was immer einen zusätzlichen CO2-Ausstoss zur Folge hat.

Massenproduktion in Schweiz?

Die durchschnittliche Betriebsgrösse der Schweiz (Bio 21 HA, konventionell 19 HA) ist gar nicht viel kleiner als jene von Spanien (24 HA, Quelle ine.es), Deutschlands durchschnittliche Betriebsgrösse liegt bei 58 HA (Quelle Deutscher Bauernverband. Erstaunlich ist, dass Bio-Betriebe im Schnitt noch grösser sind als konventionelle Betriebe. Das zeigt eindeutig, dass das von der Vermarktunsindustrie gezeichnete Bild des familiären Kleinbetriebs auch in der Bio-Landwirtschaft nicht mehr der Realität entspricht.

Dadurch, dass Bio in den Grossverteilern erhältlich geworden ist, hat sich auch die Betriebsstruktur von Bio-Betrieben massiv verändert. Wer mit Migros, Coop und Co. geschäften will, liefert grosse Mengen. Aus ein paar Kistli wurde ein Lastenzug täglich. Das romantische Bild, das der Konsument vom Biobetrieb hat, ist schon lange nicht mehr Realität. Zumindest wenn man Bio nur im Grossverteiler kauft.

Die Bio-Massenproduktion in der Schweiz scheint allerdings weniger krisenanfällig als jene im Ausland. Dies sei nur schon bedingt durch die um ein Vielfaches strengeren Produktionsvorschriften (im ökologischen wie auch im sozialen Bereich). Zudem werde die Gesetzgebung in keinem anderen Land so ernst genommen wie in der Schweiz. Robert Obrist spricht von einer „hohen Sicherheit, dass nicht betrogen wird“.

Trotzdem stellt die hohe Nachfrage den Biolandbau auch bei uns vor Herausforderungen. Die Konsumenten erwarten auch bei Bio-Produkten optische Makellosigkeit. Ein Bio-Betrieb muss also eine steigende Nachfrage nach makellosen Produkten mit beschränkten Mitteln sicherstellen. Wenn auch die Toleranz seitens des Handels gegenüber Bio-Produkten etwas grösser ist: Dies zu erreichen kann auch im Biolandbau erhöhte Emissionen durch den höheren Pflegeaufwand bedeuten, wie das Beispiel des Gala-Apfels in Teil 1 illustriert. Hier ist die Herausforderung, die Nachfrage der Masse auf resistentere Sorten zu lenken. Nur lässt sich dieser Markt nur sehr schwerfällig umschwenken.

Fazit

Gemüse aus dem Inland kaufen ist sowieso am besten. Egal ob Bio oder nicht. Gemäss WWF ist der Verzicht auf eingeflogene Gemüse und Früchte am wichtigsten (Faktenblatt Ernährung Juni 2016).

Wie so oft kommt man zum Schluss, dass es der Konsument in der Hand hat, für welches Produkt er sich entscheidet. Wer beim lokalen Bauer saisonal einkauft, erhält auch bei einem konventionellen Betrieb in der Regel nachhaltig produziertes Gemüse. Hier hat man grösstmögliche Transparenz über die Produktionsbedingungen.

Am Regal im Grossverteiler fehlt jedoch oft das nötige landwirtschaftliche Hintergrundwissen. Und da ist das Bio-Siegel oft doch die einfachste Orientierungshilfe. Wem nachhaltige Produktion wichtig ist, tut gut daran, den Geist auch für andere Varianten der Produktion offen zu lassen. Bio ist gut, aber nicht das Allheilmittel.

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