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Milch ohne Kompromisse

Heute möchten wir euch, nach der regenerativen Landwirtschaft, ein weiteres innovatives Konzept aus der Landwirtschaft vorstellen. Cowpassion.ch verkauft seit letztem Herbst Käse aus Milch von Mutter-Kalb-Haltung (MuKa-Haltung).

Wie wir hier auf Farmticker.ch bereits erläutert haben, bedeutet die Produktion von Milch in den allermeisten Fällen, das neugeborene Kalb von der Mutter zu trennen ("Faire Milch" 2.11.2018). Zudem ist das Kalb danach an sich «überflüssig» und muss geschlachtet werden. Den Fall, dass das Kalb bei der Mutter aufwächst, gibt es nur bei der Mutterkuhhaltung, die aber zum Ziel hat Fleisch zu produzieren und bei der gleichzeitig keine Milch produziert wird (Kreislauf Fleisch-Milch 10.9.2019).

Wem das missfällt, aber doch Milch trinken möchte, hatte bis vor Kurzem kaum eine Alternative. Bis letzten Herbst Cowpassion.ch ins Leben gerufen wurde. Mit einer Hand voll Leuten hat Evelyn Scheidegger den Berner Verein «Cowpassion» gegründet. Ihr gemeinsames Ziel: «Die Förderung der muttergebundenen Kälberaufzucht in der Milchproduktion»; eine wirklich tierfreundliche Haltung, die Muttertier und Kalb beieinander lässt und gleichzeitig Milch produziert. Unterstützt wird der Verein von der Haldimann-Stiftung, welche den Tierschutz in der Schweiz fördert.

Wer nicht gerne liest: Am Ende des Artikels haben wir eine Podcast-Folge eingebaut. FarmTalk Nr. 12 kann zudem auf Spotify und vielen weiteren gängigen Plattformen gehört werden.

Wie funktioniert es?

Das Prinzip ist eigentlich einfach: Eine Kuh kriegt ein Kalb und beginnt, Milch zu produzieren. Das Kalb wächst während 4-5 Monaten bei der Mutter auf und trinkt täglich bei seiner Mutter. Dass das für das Kalb viel gesünder ist, ist auch bei Vertretern der Mutterkuhhaltung mit Fleischproduktion ein offenes Geheimnis. Denn durch die Muttermilch erhält das Kalb wichtige Stoffe zum Aufbau ihres Immunsystems und man kommt mit viel weniger Antibiotika aus.

Moderne Milchkühe produzieren viel mehr Milch, als das Kalb benötigt. Beim «Cowpassion-System» wird übrigbleibende Milch abgemolken und zu Käse verarbeitet. Dieser wird per Post in die ganze Schweiz verschickt, bei warmen Temperaturen gut verpackt in biologisch abbaubare Schafwoll-Matten. Bestellt wird ganz einfach online auf cowpassion.ch, bezahlt mit Kreditkarte oder via TWINT. Einmal monatlich wird ausgeliefert.

Nicht mehr illegal

Bis vor Kurzem war es in der Schweiz gesetzlich gar verboten, die «Restmilch», die bei der Aufzucht von Kälbern anfiel, noch zu verkaufen. Diese ganze Praxis war zurückzuführen auf eine missverständliche Stelle im Gesetzestext, die vorschrieb, «das ganze Gemelk» zu verkaufen. Nicht ganz klar ist, ob es einfach darum ging zu verhindern, dass der Bauer einfach den Rahm zurückzubehalten. Nach einer Motion von Seiten der SP mit Unterstützung der CVP («Motion Munz») wurde nun Ende Mai 2020 die Milchhygieneverordnung geändert und der Verkauf von Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht ist nicht mehr illegal.

Mehr als Bio

Man fragt sich an dieser Stelle, ob es denn nicht reichen würde, Bio oder DEMETER-Milch zu kaufen. Doch was viele nicht wissen: Sowohl bei Bio wie auch bei DEMETER ist die Trennung von Muttertier und Kalb erlaubt und in vielen Betrieben Usus. Das reichte Evelyn Scheidegger und ihren Vereinskollegen nicht. Sie wollten mehr: «Bei Cowpassion darf jedes Kalb bei seiner Mutter saugen, mindestens zweimal täglich. So verbringt das Kalb nach dem Saugen noch Zeit bei der Mutter, in der wichtige Pflege- und Beziehungsarbeit stattfindet».

Ein Kalb trinkt in der MuKa-Haltung mehr, als wenn es die Milch aus einem Eimer erhalten würde. Das heisst, dass die Bäuer*innen weniger Milch haben, die sie verkaufen können. Daher erhalten Cowpassion-Produzenten einen höheren Milchpreis, was sich auch auf den Käsepreis auswirkt.

Evelyn Scheidegger mit Maryline Siegenthaler, die bisher einzige Produzentin von Cowpassion-Käse.

Die Schwesternbodenalp liegt auf rund 1'200 m.ü.M.

Die rund 25 Tiere soviel Zeit im Freien, wie sie möchten. Kälber können jederzeit zu ihrer Mutter.

Hier wird auch direkt "gkäset" - alle 2 Tage gibt es rund 24 kg Cowpassion-Käse.

Bei der konventionellen Milchproduktion würde dieses 30 Minuten alte Kalb bereits bald von der Mutter getrennt.

CHF 1.20 für einen Liter

Da Cowpassion die Milch bzw. Milchprodukte ohne Zwischenhändler direkt an den Endkunden vermarktet, kommt der höhere Milchpreis direkt der Tierhaltung zugute. Bei Cowpassion geht man davon aus, dass 1.- pro kg Milch ab Hof die Kosten einer konventionellen Produktion deckt. «Wenn zusätzlich Mutter-Kalb-Haltung betrieben wird, trinken die Kälber mehr Milch, was bei Cowpassion durch eine Erhöhung des Milchpreises auf CHF 1.20 ausgeglichen wird», heisst es auf der Website von Cowpassion. Wenn man die Diskussionen unter Milchbauern verfolgt, wären das für viele die ihre Milch an einen grossen Verarbeiter liefern, Traumpreise. Der gesamtschweizerische Produzentenpreis für Milch lag im März 2020 bei ca. 63 Rappen pro kg Milch. (BLW Marktbericht 2020). Mit Cowpassion würden Bauern fast das Doppelte kriegen und die Kälber erst noch bei der Mutter saugen lassen können.

Trotzdem hohe Nachfrage

Den höheren Preis bezahlen die Kunden von Cowpassion in der Regel gern. «Der MuKa-Käse von Cowpassion erfüllt die hohen ökologischen Anforderungen der Bio-Verordnung. Cowpassion-Käse ist somit auch Bio-Käse, einfach mit einem Plus beim Tierwohl».

Und der höhere Preis hat seine Berechtigung. Denn Cowpassion-Pioniere Maryline Siegenthaler und ihr Mann bei Trub (BE) verarbeiten alle 2 Tage 245 Liter Milch zu Käse. 24 kg gibt es davon. Würden sie die ganze Milch verarbeiten, hätten sie mehr als doppelt so viel. Dafür muss der Käse natürlich auch mehr kosten. Zwischen 8 und 12 Franken zahlt man für einen «Schnitz», den man beim Grossverteiler für 4-6 Franken kriegen würde.

«Auf den ersten Blick bleibt einem bei diesen Preisen die Luft weg. Aber wenn man versteht was dahintersteckt, bezahlt man den Preis gerne. Wir Konsumenten wurden über Jahre an (zu?) tiefe Preise gewöhnt. Klar, dass es uns unglaublich scheint, dass man nun einfach das Doppelte für einen Käse bezahlen könnte», sagt eine Kundin von Cowpassion.

Zukunftsmusik

Der Verein möchte weiterwachsen, denn die Nachfrage auf Kundenseite sei da. Auch auf Bauernseite gibt es Anfragen von interessierten Produzenten, die interessiert wären, Milch nach Cowpassion-Standards zu produzieren. Doch es fehlt an Leuten, die bereit sind, die Milch auch zu Käse und Joghurt zu verarbeiten. «Wir vermuten, dass es Vorbehalte gibt bezüglich der Hygiene», sagt Evelyn Scheidegger, «dabei besagen Studien, dass das kein Problem darstellt».

Ebenfalls ein Stolperstein ist die Logistik. Viele Kunden hätten ein Interesse daran, auch Frischmilch von Cowpassion zu beziehen. Käse kann relativ einfach verschickt werden. Das wird bei der Milch zur unüberwindbaren Herausforderung. Eine Liefertour müsste her. Doch die Kunden sind in der ganzen Schweiz verteilt und Milch ist sehr temperatursensibel. «Idealerweise hätten wir schweizweit verschiedene Standorte, die selber Cowpassion-Milch produzieren und verarbeiten würden», sagt Evelyn Scheidegger.

«MuKaLe»-Haltung

Doch auch bei der Mutter-Kalb-Haltung «fallen Kälber an». Zwar werden sie erst mit 4-5 Monaten geschlachtet, aber auch sie lassen ihr Leben schlussendlich für die Milch. Ein Kompromiss, der für viele Cowpassion-Kunden nur schwer akzeptierbar ist. Deshalb erarbeitet Cowpassion zurzeit ein Kombi-Konzept mit angegliedertem Lebenshof (MuKaLe-Produktelinie), auf dem die «ausgedienten» Milchkühe und Rinder leben können. Auf diesen Produkten wird ein Zuschlag für den Unterhalt der Tiere auf dem Lebenshof erhoben. Bei der Milch macht es einen Franken Unterschied pro Liter (Milch aus MuKa-Haltung: 3.-, MuKaLe-Milch: 4.-). Parallel dazu soll mit einer verlängerten Laktationsperiode experimentiert werden, damit weniger Kälber benötigt werden. Die Kühe sollen statt nach einem Jahr erst nach zwei Jahren erneut schwanger werden. Denn auch ein Lebenshof ist irgendwann voll, wenn man bedenkt, dass Kühe zwischen 20 und 25 Jahre alt werden können.

Ist das Konzept Cowpassion massentauglich? Evelyn Scheidegger glaubt daran, dass diese Form der Milchproduktion eine Zukunft hat. «Wenn wir eine Nische schaffen könnten, wäre schon viel erreicht». Wenn alle Milch so produziert würde, wäre das ein Traum. Das würde allerdings bedingen, dass die Menge an gesamthaft konsumierten Milchprodukten zurückginge. Dafür könnte «schöner» produziert werden und die benötigte Fläche würde trotzdem ausreichen. Weniger wäre mehr. Für alle.

 

Podcast zu Cowpassion

Zu dem Thema haben wir auch einen Podcast aufgezeichnet. Die Folge kann auch auf Spotify, Apple Podcasts etc. gehört werden.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

Beiträge von Valérie
3 Kommentare zu “Milch ohne Kompromisse”
    Daniel Baertschi

    Super Sache und genau ein Beispiel dafür, was wir in der regenerativen Landwirtschaft unter artgerechte Tierhaltung verstehen.

    Antworten
    Carola

    Ist ein Verkauf von dieser besonderen Milch auch in euren Shops angedacht?

    Antworten
    Valérie Sauter

    Leider ist das noch etwas schwierig. Die Milch wird aktuell nur im Bernbiet produziert und müsste eigens angeliefert werden, was von der Kühlkette her schwierig ist. Ausserdem reichen die Mengen noch nicht aus, um unseren Bedarf zu decken. Cowpassion ist aber sehr auf der Suche nach Produzenten in der Region Zürich und wer weiss, vielleicht kommt es ja mal dazu...

    Antworten

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