Gruene Revolution
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Die Grüne Revolution und ihre Folgen

Vorab: Die Grüne Revolution ist keine Öko-Bewegung. Im Gegenteil:

Nach dem zweiten Weltkrieg wollte man Gas geben. Die Zeichen standen auf Aufbruch, es gab nur noch einen Weg: Vorwärts. Man wollte vor allem eines: Nie wieder Hunger.

In den 60er Jahren gelang es, die landwirtschaftliche Produktion in noch nie dagewesener Art zu intensivieren. Die Felder wurden grösser. Was irgendwie ging, wurde automatisiert, man holte alles aus dem Boden heraus, koste es was es wolle. Und das nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern auch in den Entwicklungsländern in Südamerika und Asien.

Auf Wikipedia ist die Grüne Revolution folgendermassen beschrieben:

«Als Grüne Revolution wird die in den 1960er Jahren begonnene Entwicklung moderner  landwirtschaftlicher Hochleistungs- bzw. Hochertragssorten und deren erfolgreiche Verbreitung in Entwicklungsländern bezeichnet».

So – jetzt habt ihr es schwarz auf weiss.

Das geschah nicht nur durch die Züchtung von besonders ertragreichen Sorten, sondern auch durch die Anlage ganzer automatischer Bewässerungssysteme, sowie durch den umfangreichen Einsatz von synthetischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.

Das Positive daran: Durch die massive Ertragssteigerung konnte eine Menge Hunger vermieden werden.

«Die Grüne Revolution hatte auch eine sehr unnachhaltige Seite…»

Die Kehrseite der Grünen Revolution

Doch es zeichnet sich mittlerweile ab: Die Grüne Revolution hatte auch eine sehr unnachhaltige Kehrseite. Durch die Intensivierung des Anbaus entstanden Monokulturen, die anfälliger sind für Pflanzenkrankheiten, die wiederum durch verstärkten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden müssen. Grundwasserreserven wurden nachhaltig gefährdet, die Böden versalzten, die Artenvielfalt nahm ab. Und: Viele kleine Bauernbetriebe wurden durch wenige grosse abgelöst. Längst nicht alle Bauern konnten von der Grünen Revolution profitieren und sich das teils teure Saatgut und die teuren Pflanzenschutzmittel leisten.

Im Grunde sind die Folgen der grünen Revolution die Ursache für die aktuellen Diskussionen um die Landwirtschaft. Beziehungseise darum, wie sie betrieben werden soll – oder wie eben nicht (Artikel: Was ist eine nachhaltige Landwirtschaft?).

Eine grosse Frage unserer Zeit lautet nun: Wie schaffen wir es, genügend Ertrag für alle zu erwirtschaften und gleichzeitig unsere Ressourcen längerfristig zu erhalten?

Die Forschung plädiert für eine «abgespeckte Version» der Grünen Revolution. Oder auch eine «Grüne Revolution 2.0», wie es bei der National Academy of Sciences in Amerika heisst.

«Wie schaffen wir es, genügend Ertrag für alle zu erwirtschaften und gleichzeitig unsere Ressourcen längerfristig zu erhalten?»

Grüne Revolution «light»

Fakt ist, dass immer mehr Menschen auf gleichbleibendem Boden ernährt werden müssen. Das schleckt keine Geiss weg. Vor allem in den Entwicklungsländern wird sich das Problem in den nächsten Jahren noch verschärfen. Nebst hoher Geburtenrate sind die Menschen dort von den Auswirkungen des Klimawandels (Trockenheit, Schädlingsdruck) besonders betroffen.

Es gibt im Wesentlichen drei Ansätze, um diesen Herausforderungen zu begegnen:

1.  WENIGER MENSCHEN

Man schränkt die Population ein. Ein heisses Eisen. Zumindest in den westlichen Ländern ist Geburtenkontrolle zum Glück kein Thema. Denn die Geburtenraten sind hierzulande ohnehin rückläufig. Eine Frau in der Schweiz gebärt im Schnitt rund 1.5 Kinder (Quelle: BFS). Bei etwas mehr als 2 Kindern pro Familie würde die Bevölkerung immer etwa gleich gross bleiben. Zum Vergleich: In Ländern mit den höchsten Geburtenraten (es sind allesamt afrikanische Länder) liegt der Schnitt zwischen 4-7 Kindern (Statista.com). Der weltweite Durchschnitt lag 2017 bei rund 2.37 Kindern, Tendenz abnehmend (The Lancet.com)

Es scheint so, als befänden wir uns – global gesehen – bereits auf dem richtigen Weg. Allerdings ist das eine Entwicklung, die nicht von heute auf morgen geschieht und sich – wie oben erwähnt – in den Entwicklungsländern zuerst nochmals massiv verschärfen wird.

2.  ANBAUTECHNIK VERÄNDERN

Man findet Methoden zur Produktion, die beides können: Viel Ertrag produzieren und gleichzeitig die Ressourcen erhalten. Allerdings tritt der Ökologiegedanke in den Entwicklungsländern in den Hintergrund. Dort ist man immer noch mit der enormen Herausforderung konfrontiert, eine rasch wachsende Anzahl Menschen unter zunehmend schwierigen Bedingungen zu ernähren. Trotzdem muss man sich auch da die Frage stellen: Was ist in 50, 100 Jahren? Sind die Böden dann noch bebaubar? Das Trinkwasser noch sauber?

Im Wesentlichen gibt es zwei Herangehensweisen im Anbau, wobei die eine die andere nicht direkt ausschliesst.

Technologie und Forschung

Die Dringlichkeit der stetig wachsenden Bevölkerung liegt in Entwicklungsländern auf der Hand. Mancherorts liest man, die Kritik an der Grünen Revolution sei ein Luxusproblem, das sich Entwicklungsländer gar nicht leisten können. Zudem nimmt der Druck auf die Produktion durch Schädlinge und Pflanzenkrankheiten aufgrund der Klimaerwärmung zu. Dieser Ansatz setzt auf NOCH ertragreichere Sorten und die Errungenschaften der Technologie (u.a. auch Smart Farming), um den ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu begegnen. Immer bessere Pflanzenschutzmittel sollen es richten.

Andere Ansätze / Umdenken

Der andere Ansatz ist, dass im Landwirtschaftsbereich ein radikales Umdenken gefordert ist. Zurück zu kleinflächigerem Anbau, integrativen, ganzheitlichen Anbausystemen wie es zum Beispiel die regenerative Landwirtschaft oder die Permakultur vorsehen.

Welcher Ansatz davon richtig ist, hängt ganz davon ab, wen man fragt und wo auf der Welt man sich befindet. Vielleicht braucht es auch beide, um in Zukunft die Weltbevölkerung zu ernähren. Wie es auf National Geographic (September 2013) heisst: «Modern supercrops will be a big help. But agriculture can’t be fixed by biotech alone.» Heisst soviel wie: «Moderne Supersorten werden sicher helfen. Aber die Herausforderungen der Landwirtschaft können nicht allein durch Technologie gelöst werden.»

«In 60 Ländern werden im Schnitt täglich 3000 Kalorien oder mehr verzehrt.»

3.  ANDERS ESSEN

Oder aber man sorgt dafür, dass sich die Bevölkerung möglichst ressourceneffizient ernährt. Hier gäbe es besonders in den Industrienationen Fleisch am Knochen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Ansätze aus der Forschung zeigen hier schon länger in Richtung: Weniger rotes Fleisch, mehr pflanzliche Lebensmittel (Artikel: 1:0 für den Tofu; z.B. Smil, V. 2002 in Enzyme and Microbiological Technology)

Einfach nur besser verteilen?

Zu guter Letzt gibt es auch die Stimmen, die sagen, dass eigentlich genügend von allem da wäre. Es sei nur schlecht verteilt (NZZ a.S. «Die Grüne Revolution war ein totaler Misserfolg», 31.05.2015).

Und in der Tat: Der durchschnittliche tägliche Kalorienbedarf eines Erwachsenen liegt ungefähr bei 2000 kcal. Je nach Betätigung, bei Frauen etwas tiefer, bei Männern etwas höher. Wenn man die Liste der durchschnittlich konsumierten Kalorien pro Tag anschaut, gibt es viele Länder, die deutlich über dieser Zahl liegen (Wikipedia.org).

In 60 Ländern werden im Schnitt täglich 3000 Kalorien oder mehr verzehrt. An der Spitze liegen die USA mit 3800 kcal durchschnittlich. Die Schweiz liegt auf Platz 19 mit 3450 kcal. In 58 Ländern liegt der Schnitt bei 2500 kcal oder darunter. In 8 Ländern liegt der Durschnitt sogar unter 2000 kcal pro Tag. Zum Beispiel in Äthiopien (1950 kcal). Schlusslicht bildet Eritrea mit nur 1590 kcal pro Tag.

Gut möglich, dass hier gar nicht alle Kalorien tatsächlich konsumiert werden, denn weggeworfenes Essen (Food Waste) ist hier mit eingerechnet. In der Schweiz wird 1/3 der Lebensmittel weggeworfen (Foodwaste.ch). Offenbar kann man es sich leisten.

Wir haben also Kalorienüberschüsse in reichen Ländern, während arme Länder zu wenige Kalorien pro Kopf zur Verfügung haben. Durch eine vernünftige Umverteilung könnte sicher ein Teil des Hunger- und Ressourcenproblems entschärft werden.

Doch wie man so schön sagt: Wer hat, dem wird gegeben. Versuchen wir, es besser zu machen.

Valérie ist Vollblutautorin des FarmTickers und immer zur Stelle wenn's "brennt". Sie mag schöne Texte und offene Worte. (Zum Portrait).

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